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Weserkurier 11. Juni 2002

Da fällt die Sopranistin in Ohnmacht
"Wir machen eine Oper": Begeisterungspfiff für Brittens Musiktheater für Kinder in Oldenburg

Von unserem Mitarbeiter Gerhart Asche

Das Kindertheater ist nicht erst eine Erfindung unserer Tage. Es gibt höchst erfolgreiche Werke dieses Genres, die 50 und mehr Jahre alt sind, und zu ihnen zählt Benjamin Brittens kleines Musiktheaterstück "Wir machen eine 0per", das seit seiner Uraufführung 1949 in Aldeburgh unzählige Aufführungen in aller Welt erlebte. Jetzt bewies 0ldenburg mit einer Produktion im Kleinen Haus des Staatstheaters, dass auch bei jungen Leuten von heute das Werk ungebrochene Resonanz findet.
Regisseur Andreas May hatte dazu mit Witz und Einfallsreichtum ein neues szenisches Vorspiel geschrieben. Auch im Original geht der eigentlichen Oper - "Der kleine Schornsteinfeger" - ein Stück Sprechtheater voraus, in dem Brittens Librettist Eric Crozier für ein heutiges Publikum etwas zu gemütvoll und langatmig die Umstände der Entstehung des Operchens entwickelt. May gibt statt dessen einen flott ablaufenden Einblick in Probensituationen, die den jungen Zuschauer gleichzeitig mit theatertechnischen Gegebenheiten bekannt machen.
So erwähnt man ganz nebenbei, was die Inspizientin und der Requisiteur zu tun haben, was es mit dem Bühnenbild, Kostüm und Maske auf sich hat, was unter Rezitativ, Fermate oder Ensemble zu verstehen ist. Das alles wird gewürzt mit der Schilderung künstlerischer Eitelkeiten und Verschrobenheiten, die liebevoll-ironisch aufgespießt werden wie etwa die Geltungssucht der in Ohnmacht fallenden Sopranistin oder die ins Affektierte überzogene Gestik des Mezzosoprans. Eine ganz ähnliche Bühnensituation wie in der jüngsten Oldenburger Donizetti-Premiere von "Viva la Mama", und doch um Welten davon entfernt; denn hier wird nicht dem Klamauk geopfert, sondern punktgenau Theater gemacht.
Das gilt genau so für die eigentliche Oper vom armen kleinen Schornsteinfeger, dem die Kinder zur Flucht verhelfen vor den brutalen Methoden seiner beiden Arbeitgeber. Hübsche szenische, Wirkungen - etwa die Badeszene als Schattenspiel - gibt es da zu bestaunen, die Kinder agieren lebhaft und unaffektiert, die Erwachsenen drängen sich nicht vor. Die Musik in ihrer Mischung aus Lyrik, Melodik und zündender Rhythmik wird unter der Leitung von Olaf Wiegmann in ihrer originalen Instrumentation mit Streichquartett, Klavier und Schlagzeug wirkungsvoll präsentiert. Bei den gut zusammenklingenden Stimmen keinerlei Ausfälle. Am Schluss tosender Beifall und Begeisterungspfiffe in der ausverkauften Sonntagnachmittags-Vorstellung.
 


Zu den Rezensionen: Weser Kurier, 11.06.02
Nordwestzeitung, 04.06.02 | Oldenburgische Volkszeitung, 15.06.02


 
Nord-West-Zeitung, 4. Juni 2002

Turteltauben gurren zur Musik
"Der kleine Schornsteinfeger" im Oldenburgischen Staatstheater

Von Christoph Kutzer

Oldenburg. Das Kleine Haus des Oldenburgischen Staatstheaters bietet einen ungewohnten Anblick. Kinder spielen begeistert mit den Klappsitzen oder staunen mit großen Augen den mächtigen Bühnenvorhang an. Auf dem Programm steht Benjamin Brittens "Wir machen eine Oper/Der kleine Schornsteinfeger".
Andreas May hat sich vorgenommen, mit seiner Inszenierung des 1949 uraufgeführten Werkes schon den jüngsten Theaterbesuchern zu zeigen, wie unterhaltsam Oper sein kann. Besonders im ersten Teil, der die Probenarbeiten zur Oper "Der kleine Schornsteinfeger" zeigt, ist ihm dies glänzend gelungen.
Altkluge Kinder, heisere Sänger und genervte Musiker sorgen für jede Menge Situationskomik. May hat dieses Vorspiel komplett umgearbeitet. Die didaktischen Anteile sind stark reduziert. Immer noch aber werden Themen wie der Unterschied zwischen Arie und Rezitativ gestreift, wird ein Einblick gewährt, wie Theater funktioniert. So beginnt das Spiel auf einer notdürftig eingerichteten Probenbühne, die Kulissen werden vor den Augen des Publikums aufgebaut. Wenn die geprobte Szene im Bühnenbild, mit Licht und Kostümen nochmals gespielt wird, ist jedem klar, wie viel diese Elemente zur Wirkung einer Aufführung beitragen. Dann folgt die Aufführung selbst.
Die Geschichte um den kleinen Schornsteinfeger Sam (rührend: Fynn Hommers), der von einer Kinderschar aus den Klauen seines bösen Meisters Robert befreit wird, ist einfach genug strukturiert, dass auch Kinder folgen können, obwohl die gesungenen Texte nicht immer leicht zu verstehen sind.
Für Abwechslung sorgen Regieeinfälle wie das Schattenspiel in einer Badeszene oder ein Nachtlied mit imitierten Vogelstimmen - wofür das Publikum zuständig ist. Das Einüben dieses Parts unter der humorigen Leitung von Alexander Rumpf zählt zu den Höhepunkten der Aufführung. "Da sitzen aber einige ganz tief gurrende Täuberiche", witzelt er. Oder fordert "Singen Sie bitte so hoch, wie Sie sitzen". Offenbar fühlt sich der Musikalische Leiter auf der Bühne ausgesprochen wohl. Auch der Kinderchor sorgt mit seinen Auftritten immer wieder für überraschende Momente.
So ist "Der kleine Schornsteinfeger" eine quicklebendige kleine Oper geworden, die nicht zuletzt dank des spielfreudigen Ensembles auch für Erwachsene kurzweilig ist.
 


Zu den Rezensionen: Weser Kurier, 11.06.02
Nordwestzeitung, 04.06.02 | Oldenburgische Volkszeitung, 15.06.02


 
Oldenburgische Volkszeitung, 15. Juni 2002

Wenn Theater und Wirklichkeit sich überschneiden
Benjamin Brittens "Der kleine Schornsteinfeger" mit Vorspiel am Oldenburgischen Staatstheater

Von Martina Binnig

Oldenburg - Andreas May hat sich für seine Inszenierung von Benjamin Brittens Kinderoper "Der kleine Schornsteinfeger" am Staatstheater Oldenburg etwas ganz besonderes einfallen lassen: In einem hinzugefügten Vorspiel zeigt er erst einmal, wer alles an so einer Opernaufführung beteiligt ist. Da sind natürlich zunächst die Darsteller, die man in ganz gewöhnlicher Alltagskleidung kennenlernt und nach der Pause in ihren altmodischen Kostümen kaum wieder erkennt.
Aber man erfährt auch, was es mit der Inspizientin auf sich hat. Oder welche Aufgabe der Korrepetitor hat. Und hier überschneiden sich dann auch die gespielte mit der echten Theaterwirklichkeit: Denn die Souffleuse des Vorspiel ist auch die richtige Souffleuse der Oper.
Und selbst die Ankleiderin, die man sonst nie zu Gesicht bekommt, stellt sich kurz vor. Das Bühnenbild ist noch provisorisch, und man staunt nach der Pause um so mehr, wie es sich verwandelt hat. Köstlich auch, wie sich die Sticheleien der schauspielernden Kinder in ihren Geschwisterrollen der Oper wieder finden.
Die beiden Mädchen etwa, die immer das Gleiche sagen, erklären sich kurzerhand für Zwillinge. Zwar sehen sie sich überhaupt nicht ähnlich, aber dafür sorgen dann schon die Maskenbildnerinnen.
Als Regisseur tritt Harry Blech (gespielt von Marne Ahrens) auf und macht erst mal klar, wer der Herr im Haus ist. Er flirtet, delegiert und flucht. Dann lässt er eine Schlüsselszene proben, in der die attraktive Sopranistin Sylvia Mimikry (Anja Metzger), die in der Oper die älteste Schwester Juliet gibt, in Ohnmacht fallen muss. Die Szene wird ein paar mal wiederholt, weil alle Ihren Senf dazu beisteuern und nichts klappt.
Und wenn sie dann im Gesamtzusammenhang zu sehen ist, kommt sie einem schon so vertraut vor, dass man fast mitspielen möchte. Die überkandidelte Altistin Agnes Waltsa (Annekatrin Kupke) ist im Stück die wunderbar steife und strenge Haushälterin Miss Baggott. Immer wieder platzt auch der erkältete Bassist Becker-Turban, der wirklich so heißt, rein und will mitspielen, wird aber aus Angst vor Ansteckung von allen rausgeworfen.
Olaf Wiegmann als Dirigent Alessandro Torso hat auch wirklich die musikalische Leitung inne. Unterstützt vom Kinderchor des Oldenburgischen Staatstheaters übt er mit dem Publikum das Nachtlied ein, in dem verschiedene Vogelrufe nachgemacht werden. Wer nach diesem amüsanten und geistreichen, aber auch die vielen Kinder im Publikum ansprechenden Vorspiel keine Lust auf Oper bekommen hat, dem kann man nur sagen: Selbst schuld.
Und auch die eigentliche Britten-Oper wirkt sehr frisch und lebendig: Der kleine Schornsteinfegerjunge Sam (Hendrik Hoffmeister) steckt im Kamin des Spielzimmers einer reichen englischen Familie fest. Mit Hilfe des Kindermädchens Rowan (Magdalena Schäfer) gelingt es aber den Geschwistern, Sam zu befreien und sogar vor dem bösen Schornsteinfegermeister zu retten.
 

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