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Münstersche Zeitung, 3. Oktober 2001

Moral von ihrer schönsten Seite
Theater: Der glückliche Prinz

Münster. Der Prinz ist irritiert. "Bist du denn nicht von Adel?", fragt er die kleine Schwalbe, die vor seine Füße gefallen ist, weil sie ihren Artgenossen auf dem Flug nach Süden nicht mehr folgen konnte. "Nein", antwortet sie, "ich bin vom Stadtpark."
Schichtunterschiede werden in Münsters Wolfgang Borchert Theater radikal ausradiert. Das goldgeschmückte lebende Prinzenstandbild und der zerzauste Vogel sind am Ende die besten Freunde, sie sterben gar zusammen im Winter. Und haben zuvor all ihre Schätze an die Armen verteilt. Das Kindermusical "Der glückliche Prinz", von Wolfgang Böhmer und Peter Lund nach einem Oscar-Wilde-Märchen verfasst, birst vor Moral. Es plündert zahllose abendländische Sozial-Skandal-Mythen von Hans-Christian Andersen ("Das Mädchen mit den Schwefelhölzern") bis zur französischen Königin Marie Antoinette ("Wenn die Leute kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen").
Zum Glück bringt Regisseur Andreas May die weltverbessernden Lehren kindgerecht und entzückend poetisch unters Volk. Dabei hilft die schöne Ausstattung von Stephan F. Rinke: ein schwungvoller Halbkreis aus schwarzen Häusern symbolisiert die Stadt, darüber wechseln in prächtigen Blau- und Rottönen die Tageszeiten. Auch die Musik, eine Mischung aus Mozart und Rolf Zuckowski, geht ins Ohr. Harfenistin Eva Bäuerle und Mari Luz Rodriguez Startz an der Klarinette glänzen mit feiner klassischer Schulung.
Nicht nur sie - auch die beiden Schauspieler können richtig gut singen. Außerdem entschärfen sie geschickt das hohe Pathos der Handlung: Anja Bilabel sorgt als coole Schwalbe für ein bisschen rebellische Punkstimmung, Philipp Sebastian gibt einen witzig-kapriziösen Oscar-Wilde-Prinzen aus dem Bilderbuch.
Die Kinder (das Stück ist ab fünf) bewahrten während der einstündigen Premiere beeindruckende Konzentration und applaudierten begeistert. Als Weihnachtsmärchen für das Münsterland verdient "Der glückliche Prinz" entschieden das Prädikat pädagogisch wertvoll.

Manuel Jennen
 


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Westfälische Nachrichten, 3. Oktober 2001

Eine wunderbare Freundschaft
Neues Kinderstück im Borchert-Theater

Münster. Die leise und poetische Kraft von Märchen dringt heute nicht unbedingt leicht zu den Kindern vor, die im Trommelfeuer der Medien aufwachsen. Im Wolfgang-Borchert-Theater gelang dies aber am Dienstagmorgen mühelos. Nicht gerade selbstverständlich, denn der Autor der Fabel "Der glückliche Prinz" ist Oscar Wilde - und der ist vornehmlich für seinen brillanten Sarkasmus bekannt.
Doch das bewährte Team von Peter Lund (Text) und Wolfgang Böhmer (Musik) hat den Prosatext hinreißend in ein "Musikalisches Märchen" verwandelt, das in der Inszenierung von Andreas May Jung und Alt begeistern muss.
Es beginnt, wie sich das für eine Fabel gehört: Man vernimmt eine glitzernde Harfe, die wie aus alter Zeit herübertönt, während sich der Vorhang öffnet. Die Musik raunt "Es war einmal..." Doch schon fällt eine Schwalbe vom Himmel, die den Anschluss an ihren Schwarm verpasst hat. Genannt wird sie von allen "Krähe", doch fluchen kann sie wie ein Rohrspatz. Die goldene Statue, auf der sie sich ausruht, ist ein waschechter verstorbener Prinz (Philipp Sebastian), der sich das Geschnatter hochnäsig verbittet - der Beginnen einer wunderbaren Freundschaft.
Nicht von ungefähr nennt sich der goldbesetzte Aristokrat "glücklicher Prinz", denn Armut und Not hat er nie kennen gelernt. Sogar jetzt ist der Blick der Statue starr nach Süden gerichtet - abgewandt vom Elendsviertel Londons. Erst durch seine neue Freundin wird er vom Mitgefühl überwältigt. Gemeinsam denken die Beiden über die Gründe für Reichtum und Armut nach - in pointierten und doch kindgerechten Songtexten. Und dann unternehmen sie was: Der Prinz verschenkt seine Edelsteine - sogar seine Augen, und "Krähe" bringt sie zu den Armen.
Philipp Sebastian schaffte fabelhaft glaubwürdig den Übergang vom versnobten Prinzen zum barmherzigen Samariter. Anja Bilabel wirbelte quirlig über die Bühne und reizte ihre dankbare Rolle mit sichtlichem Vergnügen aus - von den gefühlvollen Liedern bis zu den rotzfrechen Tiraden. Die Musik war mit Harfe und Klarinette (Eva Bäuerle und Mari Luz Rodriguez Startz) sparsam angelegt und schmiegte sich auch mal zwischen den Liedern gefühlig an die Dialoge. Sehr gelungen die Orientalismen beim Ägyptentraum der Schwalbe. Dorthin kommt sie aber nicht mehr - der Winter ist schneller. Und so endet die schöne Freundschaft viel zu früh.
Etwas mehr Rührung wäre da schon am Platze gewesen, aber den lebhaften Kindern war einfach nicht nach Traurigsein. Das ist durchaus im Sinne Oscar Wildes.

Arndt Zinkant
 


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Theater pur. Das Magazin für NRW, 3. Oktober 2001

Es gewinnt, wenn man nicht Oscar Wilde erwartet

Wolfgang-Borchert-Theater Münster
"Der glückliche Prinz"
Musikalisches Märchen nach Oscar Wilde;von Wolfgang Böhmer (Musik) und Peter Lund (Text), für Menschen ab 5 Jahren;
Regie: Andreas May
Ausstattung: Stephan F. Rinke
Dramaturgie: Joern Strohner

"Auf einer schlanken Säule, hoch über der Stadt, ragte das Standbild des glücklichen Prinzen." So beginnt das bekannte Märchen "Der glückliche Prinz" von Oscar Wilde, das nun im Wolfgang-Borchert-Theater Münster Premiere feierte. Eine Bearbeitung "für Menschen ab fünf Jahren" ist eine Herausforderung an sich, und zumindest Bühnenbild und Kostüme erreichten kleine und große Zuschauer gleichermaßen. Eine märchenhafte Atmosphäre zauberte Stephan F. Rinke mit einem Sternenhimmel, angedeuteten Häusersilhouetten und fantasievollen Kostümen. Der glückliche Prinz (Philipp Sebastian) und die Schwalbe (Anja Bilabel) begegnen sich kurz vor dem ersten Frost, denn sie, die hässliche Nachzüglerin, wird von ihrem Schwarm zurückgelassen. Wer die sprachliche Tiefe Oscar Wildes kennt, ist zum ersten Mal irritiert, als die Schwalbe das Verhalten ihres Schwarms mit den Worten kommentiert: "Arschlöcher, ohne mich nach Ägypten zu fliegen." Als freche Göre mit Netzstrümpfen und Minirock inszeniert, stellt die Schwalbe den Gegenpart dar zum überheblichen Prinzen, der nur die schönen Seiten des Lebens kennt. Am Finger einen Rubin, die Augen wertvolle Saphire, über und über mit Blattgold veredelt, kennt er keine Tränen und spricht in blasierten, gewählten Sätzen: "Man sollte nur so viele Worte machen, wie die Weit bereit ist anzuhören." Sebastian, als Standbild mit verhaltenen Bewegungen und adligem Gehabe, und Bilabel, die schlagfertige Schwalbe, die ihn auch mal "Lackaffe" nennt, bilden eine überzeugende Einheit. Vor allem die anfänglichen Gegensätze werden mit großer Dynamik gespielt, hier hat die Inszenierung ihre eigenständigen Seiten, das Märchen wird für Kinder verstehbar. Ein gelungener Kunstgriff ist es, die Schwalbe "Krähe" zu nennen, eine Person, in der Bilabel beide Parts vereint: Die Schwalbe, die nach Ägypten will, und die Krähe, die dem Prinzen die Armut zeigt. Das Publikum folgt aufmerksam dem Text, in dem der Prinz nicht wie bei Wilde von seinem Postament aus gezwungen ist, das Elend der Stadt zu sehen, sondern erst von der Schwalbe / Krähe darauf hingewiesen wird: "Realität ist das, was du nicht siehst, weil du immer mit dem Rücken nach Norden stehst." Peter Lund (Text) konzentriert sich ganz auf die Auseinandersetzung zwischen den beiden, im Mittelpunkt stehen die Themen "arm und reich" und "Freundschaft". Wie auch bei Oscar Wilde verschenkt der Prinz nach und die Reichtümer, die ihn schmücken. Die Schwalbe ist die Botin, der nach dem ersten Frost, als sie nur noch in den Süden will, herausrutscht: "Ich werde erfrieren, und das nur, weil ich für irgendwelche Denkmäler die Brieftaube gebe." Wie gesagt, der Text ist recht flapsig, kann die Entwicklung der beiden hin zu Freundschaft und Mitgefühl nur schwer transportieren. Die Tiefe der Aussage wird aufgegeben zugunsten von Lacherfolgen, die nicht immer zum Inhalt passen.
Der Prinz fordert zunächst Hilfe, ohne die Angst der Schwalbe ernstzunehmen, die Schwalbe hat nur ein Ziel: Möglichst schnell nach Ägypten zu gelangen. Auf dem Höhepunkt der Freundschaft will der Prinz die Schwalbe fliegen lassen, doch weil er inzwischen blind ist, bleibt sie. Je intensiver und anrührender die Handlung ist, desto oberflächlicher wirkt der Text. Auch die Lieder, in denen beispielsweise die Frage thematisiert wird, warum es Reiche und Arme gibt, wirken fehl am Platze, weil sie die emotionale Spannung, die die beiden Schauspieler überzeugend aufbauen, nicht mittragen. Sebastian und Bilabel gelingt ein eindringliches Spiel, in dem auch der Kontakt zu den Menschen in den Elendsvierteln gut rüberkommt, ohne dass die Zuschauer diese sehen. Es ist eine grundsätzliche Frage, welche Vorlagen sich eignen, für Kinder bearbeitet zu werden, wie viel Bearbeitung ein sprachgewaltiger Text wie der von Wilde verträgt, und was überhaupt unter "kindgerecht" zu verstehen ist. In diesem Fall zumindest ist die textliche Bearbeitung einen Schritt zu weit ins Plakative gegangen. Auch wenn beide ganz offensichtlich keine Sänger sind und die Kinder dem Text so aufmerksam folgen, dass auch hier die Notwendigkeit von Liedern in Frage gestellt werden muss, ist die Musik von Wolfgang Böhmer einer der Höhepunkte des Stücks. Mit Bassklarinette (Mari Luz Rodriguez Startz) und Harfe (Eva Bäuerle) werden kunstvoll Geräusche unterstützt, die Melodien sind zart und klangvoll. Durch die ungewöhnliche Kombination der Instrumente entsteht ein Klanggebilde, das das Spiel intensiviert und den Märchencharakter hervorhebt.
Die Inszenierung wirkt zum Schluss hin etwas flach, weil die Handlung des Originals zu sehr verkürzt werden musste; dennoch gelingt ein trauriger und schöner Schluss, bei dem Prinz und Schwalbe als Freunde zusammen bleiben, bis die Schwalbe erfriert und das Herz des Prinzen zerbricht. Ein Stück über Gefühle und Freundschaft mit einem leicht moralischen Touch wird hier auf die Bühne gebracht, ein Stück, das erst dann gewinnt, wenn man als Zuschauer nicht "Oscar Wilde" erwartet.

Petra Faryn
 

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