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home Inszenierungen Orfeo ed Euridice Konzeption
Überlegungen zur Konzeption "Orfeo ed
Euridice"
Moselfestwochen 2000 und 2001 in Trier
"ORFEO ED EURIDICE" - EIN MYTHOS ÜBER DIE WUNDERSAME MACHT DER KUNST
"Die Geschichte von Orpheus stammt aus der griechischen Mythologie. Orpheus [...]
bezauberte mit seinem Gesang die Menschen und Tiere. Aber er
vernachlässigte dadurch zu sehr seine Frau, Eurydike, und der
Tod entführte sie in die Unterwelt. Orpheus folgte ihr. Er
erhielt vom Tod die Erlaubnis, mit Eurydike zurückzukehren,
unter einer Bedingung: Er durfte sie nicht ansehen. Doch er wandte
sich um, blickte sie an und wurde von den Bacchantinnen
zerrissen.
Wo spielt unsere Geschichte und in welcher Zeit? Es ist das
Vorrecht der Legenden, zeitlos zu sein. Sie können spielen, wo
immer man es sich wünscht."
Jean Cocteau
Zeitlos und nicht gebunden an einen Ort - Jean Cocteaus Prämisse, die er seiner
eigenen Deutung des Orpheus-Mythos nachstellt, gilt für die
Geschichte des Stoffes, der seit dem 6. Jahrhundert vor unserer
Zeitrechnung in immer wieder neuer Gestalt erzählt wird.
Auch die Komponisten konnten sich der Geschichte um den
Sänger, dem es mit seiner in Musik gefassten Dichtung gelingt,
den Tod zu besiegen, nicht entziehen, und so gibt es seit 1600 mit
Jacopo Peris "L'Euridice", der ersten überlieferten Oper überhaupt,
mindestens 65 Opern, die diese Geschichte ausgestalten. Auch jede Oper verändert die
Gestalt des Mythos, lässt die Besucher sich jeweils neu in ihm
wiederfinden. Immer wird von einem verzweifelten Menschen
erzählt, der sich (vergeblich) gegen die göttliche
Ordnung auflehnt, den Tod nicht als endgültig akzeptieren
kann, und an den ehernen Gesetzen scheitert; immer werden die
zentralen Themen 'Liebe und Tod', 'Tod und Wiedergeburt' neu variiert.
In dieser Tradition der Orpheus-Erzählungen steht auch
Christoph Willibald Glucks "Orfeo ed Euridice", die
auch einen eigenen Zugang findet. Der Blick des Komponisten und
seines Librettisten Ranieri de' Calzabigi ist der der Wiener
Gesellschaft um 1762: Sie schaffen aus dem Mythos ein
bürgerliches Trauerspiel, in dessen Zentrum die Liebe in einer
sehr menschlichen Form steht: die treue Gattenliebe. Deswegen
verzichten Gluck und Calzabigi auf eine ganze Reihe von Motiven,
von denen in anderen Gestaltungen des Mythos meist berichtet wird.
So erfahren wir weder etwas von den amourösen Entwicklungen,
die zum Tod Eurydikes geführt haben, noch hören wir
Orpheus' Gesang vor dem Herscherpaar der Unterwelt. Es sind eben
keine Götter, vor denen Orpheus singt, sondern eine
mitleidlose, anonyme Masse, die weniger von der Schönheit
seines Gesanges gerührt, als von seiner Ausdauer und fast
penetranten Beharrlichkeit erweicht wird. Auch versagt Orpheus
nicht aus mangelndem Vertrauen in das göttliche Gebot,
Eurydike nicht anzusehen, sondern er ist mental nicht stark genug,
im Ehekrach mit Eurydike zu bestehen: Sie fordert als
Bestätigung seiner Liebe seinen Blick und versinkt in mutlose
Todessehnsucht, wenn Orpheus diesem Begehren nicht folgt. Selbst
die Katastrophe ist verändert: Zwar bedeutet Orpheus'
Schwäche Eurydikes Tod, doch Orpheus entsagt nicht der Liebe
und wird auch nicht von Mänaden zerrissen. Orpheus, hier von
auswegloser Verzweiflung zerrissen, bringt sich um. - Doch das
Wiener Opernpublikum des 18. Jahrhunderts fordert - im Gegensatz
zum Publikum des Schauspiels - einen glücklichen Ausgang der
Oper: Also muss Amor dazwischentreten, den Selbstmord
verhindern und Eurydike erneut zum Leben erwecken, denn
schließlich, so sagt Amor, habe Orpheus ja gerade durch
seinen Verstoß gegen das Gebot, seine große Liebe
zu Eurydike bewiesen.
Wenn wir heute und hier auf den Stoff zugreifen, werden wir
einerseits den dargestellten Wiener Focus nicht verlieren
(schließlich ist er unauslöschbar in die Oper
eingeschrieben), andererseits aber versuchen, der Oper neue
Bedeutungen abzugewinnen: Uns ist Orpheus als Künstler
wichtig, uns interessieren die Möglichkeiten und Bedingungen
seiner gestalterischen Kraft.
Orpheus hat seine Eurydike verloren, statt Hochzeit zu feiern, muss
Orpheus seine Geliebte begraben. Dabei drohen ihn seine
Gefühle zu zerreißen, nur durch die formale Gestaltung seiner
Gefühle im ariosen Gesang kann er die zerstörerische
Kraft seiner Emotionen mäßigen. Angetrieben von seinem
Schmerz fordert Orpheus die Götter heraus: Seine Dichtung soll
die Weltordnung auf den Kopf stellen - Eurydike wird leben!
Und so stellt sich (und für uns) Orpheus Amor vor, der ihn den Weg in die Unterwelt
zeigt, aber vor allem an die Bedingung der Wiederbegegnung mit
Eurydike erinnert: Kein Blick, niemals! Und er stellt die Furien
vor, die er durch sein Singen endlich erreicht, zuletzt dann
Eurydike, lebend, mit ihm auf dem Weg.
Doch die Sehnsucht, Eurydike anzuschauen und so die von Amor
erinnerte Bedingung aller Vorstellungen zu missachten, führt
zum erneuten Verlust. Orpheus kann nicht akzeptieren, dass er
Eurydike nie mehr anschauen kann - er wählt den Tod.
Ohne den Erzähler Orpheus müssen wir den glücklichen
Ausgang konzertant vorstellen, das gute Ende entsteht durch Musik
und die Vorstellungskraft jedes Zuhörers, es ist dessen
Vorstellung.
So gesehen wird der Orpheus-Stoff zu einer Parabel über Kunst,
aber ebenso auch über unsere Träume und unsere Phantasie.
Die Parabel beschreibt die unbegrenzten Möglichkeiten der
Kunst (der Träume, der Phantasie), die selbst den Tod besiegen
kann - aber nur in ihrem eigenen, scharf abgegrenzten Bereich: Das
Vorgestellte muss Vorstellung bleiben. Der Versuch, das Imaginierte
in die Wirklichkeit unserer alltäglichen Welt
hinüberzuführen, zerstört das Imaginierte. Das
Blick-Verbot ist ein Bild für die Bedingung des
künstlerischen Aktes: Sein Inhalt ist Vorstellung, er kann
nicht angeschaut werden. Die große Sehnsucht des
Künstlers, mit seiner Kunst Verlorenes wieder zu gewinnen und
eine vollkommene Welt vorzustellen, verführt auch zum
Verwischen der Existenzgrenzen der Kunst: Der Versuch, die
Vorstellung auch zur Anschauung werden zu lassen, bedeutet
unausweichlich die Vernichtung des Vorgestellten.
Trier, im August 2000
Andreas May
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