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Rhein-Neckar-Zeitung,
Heidelberg, 22., 23., 24. April 2000
Tanzen, springen - auf und von der Brücke
Musical-Premiere "Wie wär's mit Liebe?" am Mannheimer Nationaltheater
Von Rainer Köhl
"Die Liebe ist wie eine
Achterbahnfahrt", singt Milt Manville und hat verdammt
Recht mit seiner Binsenweisheit. Was ihn betrifft: allemal. Gleich mehrfach
muss der erfolgreiche Börsenmakler die Brücke herunterfallen und im kühlen Hudson-River
ein unfreiwilliges Bad nehmen, dem Tode knapp entrinnen - alles aus Liebe zu seiner Frau. Die
er eigentlich umbringen, von der Brücke stoßen wollte. Und noch einen
Todeskandidaten trifft Milt auf der Brücke: seinen alten Studienkollegen Harry. Der hat
den gleichen Ort ausgesucht, weil er von seinem kümmerlichen (Liebes-)Leben genug hat.
Ein bisschen darf Milt nun lieber Gott spielen und beide vor dem Tod bewahren. "Wie
wär's mit Liebe?", fragt er den lebensmüden Harry und bietet ihm wohlfeil die
eigene Frau an. Nach anfänglicher Skepsis beißen die beiden willig an.
"Versuch's doch mal mit meiner Frau": unter diesem Titel kam die amerikanische
Komödie 1967 in die Kinos. Jack Lemmon und Peter Falk waren in den Hauptrollen zu sehen.
Auf dem Schauspiel "Luv" von Jeffrey Sweet basiert der Streifen ebenso wie das
Musical "Wie wär's mit Liebe?", das der Komponist Howard Marren 1984 daraus
schuf. In der hinreißend gewitzten Regie von Andreas May hatte das
anderthalbstündige Musical nun als "opera night" im Mannheimer Nationaltheater
Premiere. Auf der Vorderbühne des Opernhauses wird dieses spaßig makabre
Drei-Personen-Stück gespielt - hier hat der Ausstatter Stephan Rinke eine hübsche
Einrichtung geschaffen mit einer Wetterkarte als Rückprospekt und einem schmalen
Brückensteg, auf dem herumzutanzen den Darstellern gute Körperbeherrschung
abverlangt. Zumal darunter metertief der Fluss liegt - im Orchestergraben. Und dort hinein
geht es mit akrobatischem Wagemut gleich ein paar Mal. Straßenlaternen, die wie
Wohnzimmer-Stehlampen aussehen, säumen die Brücke. Mal leuchten sie knallbunt,
bringen Romantik ins lustige Treiben, dann wiederum kann man sich gut daran festhalten, um
nicht den Fischen Hallo sagen zu müssen. Komische Vögel sind die Figuren alle drei,
entsprechend schrill wurden sie eingekleidet. Milt gibt sich sportlich-schnittig und zeigt
auch gerne seine Boxershorts, die er unter dem feuerwehrroten Anzug trägt. Seine Frau,
Ellen, kommt im Partnerlook mit ihrem rosa Pudel, den sie vor sich herschiebt. Als
zickig-spröde Geschäftsfrau stellt sie sich zunächst vor, die vor allem
Statistiken und Diagramme im Kopf hat. Selbst auf der nächtlichen Brücke
präsentiert sie ein solches - das Liebesbarometer ihres Mannes, das steil nach unten
fällt. Der Verlierertyp Harry aber fühlt sich nach der Begegnung mit Ellen so, als
könnte er wieder Gedichte schreiben. Daniel Böhm gibt ihn herzensgut wie einen
Teddybär, in amourösen Dingen etwas unterentwickelt. Nach einem Jahr treffen sich
die drei an gleicher Stelle wieder und diesmal sehen die Vorsätze etwas anders aus
...
Die Aufführung lebt vom hinreißend komödiantischen Spiel der Darsteller. Mit
leichter Hand ist dies sehr gewitzt und temporeich in Szene gesetzt, mit spaßigen
Einfällen reichlich belebt. Und gesungen wird gleichfalls vortrefflich: Daniel Böhm
singt seine Songs rührend komisch und darf herzerweichend schwärmen vom
Flamenco-Spiel seiner neuen Angebeteten. Kernig tenoralen Glanz lässt Robert Schwarts
als Milt hören, gibt den Songs zündende Agilität. Zum Schießen komisch
ist es, wenn die beiden nach verhindertem Brückensprung im frischen Sportsgeist alte
Cheerleader-Tugenden von der Uni tanzend hochleben lassen. Ausgelassene Stimmung kommt auf
die Brücke nach dem Todesmut. Und Heike Theresa Terjung als Ellen bringt ihren Mezzo
gewaltig zum Glühen, um das Power-Frauen-Feuer spüren zu lassen, das ihr in dieser
Rolle unter dem Kostüm brennt. Eine sechsköpfige Combo unter Leitung von Jan Roelof
Wolthuis spielt dazu schönsten amerikanischen Musical-Stil, Kurt-Weill- und
Jazz-inspiriert. Die kurzweilige Aufführung lässt klar werden: es muss nicht
unbedingt technisch hochgerüsteter Musical-Pomp her, um das Bedürfnis nach Leichtem
zu befriedigen. Diese kleine und feine Produktion bietet mehr geistreichen Witz, schöne
Musik, niveauvolle Unterhaltung und Liebenswürdigkeit, als auf Rollerblades umherrasende
Technik-Freaks in den großen Musical-Tempeln je haben werden: eben weil diese
Geschichte, von lebendigen Charakteren gespielt, mit dem echten Leben zu tun hat.
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Mannheimer
Morgen | Rhein-Neckar-Zeitung | Die Rheinpfalz | scala | Viernheimer Tageblatt
Die Rheinpfalz, Ludwigshafener Rundschau, 22.April 2000
Die Liebe vor dem Abgrund
Howard Marrens Musical in der "opera night" am Nationaltheater Mannheim
Von unserem Redakteur Karl Georg
Große Gefühle, insbesondere emphatische Liebesbekundungen, spielen in der Oper
seit Berg und Weill eine eher untergeordnete Rolle. Seither werden im ernsten Musiktheater
vorwiegend die weniger erquicklichen Aspekte menschlicher Emotionalität verhandelt. Die
Operette und in der Folge das Musical sind hier sozusagen in der Bresche gesprungen und
lassen nach wie vor ziemlich ungebrochen bis zur Grenze der Sentimentalität (und auch
schon mal darüber hinaus) die Herzenstöne Klang werden. Das Bühnenwerk mit der
innigsten Liebesmusik der vergangenen 50 Jahre ist nicht umsonst Bernsteins "West Side
Story". Doch für skeptische Geister gibt es auch Alternativen zu allzu
melodramatisch veranlagten Musicals. Das Nationaltheater Mannheim hat nun in der Reihe
"opera night" ein solches herausgebracht: "Wie wär's mit Liebe?" von
Jeffrey Sweet mit der Musik von Howard Marren nach der mit Peter Falk und Jack Lemmon
verfilmten Komödie "Luv" von Murray Schisgal. Schon der freche Titel
lässt ahnen, dass hier zwischenmenschliche Beziehungen nicht gerade in ihrer hehren Form
thematisiert werden.
In dem 90-minütigen Kammer-Musical klaffen Abgründe und das nicht nur im
übertragenen emotionalen Sinn. Das Stück spielt auf einer Brücke in New York,
wo sich der Versager Harry gerade in die Tiefe stürzen will. Sein zufällig
anwesender Schulfreund Mut hält ihn zurück und offeriert ihm zur Rekreation der
erloschenen Lebensgeister seine Gattin Ellen. Die will er los werden, um sich ganz seiner
Geliebten Linda widmen zu können. Die Rechnung scheint zunächst für alle
glücklich aufzugehen, doch nach einem Jahr trifft sich das Trio auf der Brücke
wieder. Milt ist Linda und Ellen ist Harry leid. Die alte Leidenschaft für einander
erwacht wieder. Doch wohin jetzt mit dem lästigen Harry? Wollte der nicht in die Tiefe?
Zu diesem skurril-komischen Sujet hat Howard Marren eine ausgesprochen amüsante und
zündende Musik komponiert, die in effektvoller Weise die üblichen Stilmittel des
Genres beschwört und zugleich in jedem Takt hintersinnig ironisiert. In solch pfiffiger
Parodie großer Gefühle bietet Marren gleichsam ein Musical über das Musical
und deckt vergnüglich dessen musikalische Strategien auf.
Ein köstlicher Theaterspaß, der in Mannheim in einer szenisch wie musikalisch
überaus gelungenen Einstudierung präsentiert wird. In dem von Stephan F. Rinke
über den Orchestergraben des Opernhauses gebauten und mit witzigen Aperçus versehenen
Bühnenbild hat Andreas May das Stück tempo- und einfallsreich in Szene gesetzt. Da
gibt es allerhand schrille szenische Gags, die gar nicht tiefgründig sein wollen,
sondern ganz unbefangen der Lust am theatralischen Spiel frönen. Dieser Maxime folgten
auch die drei Protagonisten. Vor allem Heike Theresa Terjung, die das Mannheimer
Opernensemble zum Spielzeitende leider verlässt, zeigte sich als frivole Ellen von einer
hinreißend kessen Seite - und traf auch sängerisch den leichten Musical-Ton in
idealer Weise. Als treudoofer Harry glänzte Daniel Böhm ebenfalls ohne klamottige
Überzeichnung mit immensen Komiker und Sangesqualitäten. Gleiches gilt für
Robert Schwarts, der mit launiger Attitüde den smarten Playboy Milt gab.
Die von Jan Roelof Wolthuis geleitete Combo spielte sehr schwungvoll. Für eine flotte
Choreografie zeichnete Rosemary Neri verantwortlich.
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Darmstädter Echo
Mannheimer
Morgen | Rhein-Neckar-Zeitung | Die Rheinpfalz | scala | Viernheimer Tageblatt
Mannheimer Morgen, Ostern 2000
Ab in die Badewanne zu den quietschgelben
Enten
MUSICAL: "Wie wär's mit Liebe?", die neue Produktion im Opernhaus des
Mannheimer Nationaltheaters
Von unserer Mitarbeiterin Susanne Kaulich
Wie Seifenblasen zerstieben Harrys Traume. Ein Jahr lang hat er tapfer an die Liebe zu
Ellen geglaubt. Nun ist sie geplatzt. Genau an gleicher Stelle, an der sie ihren Anfang
genommen hatte. Auf einer Brücke. Von der er eigentlich hätte hinabspringen wollen.
Wäre ihm da nicht zufällig Studienfreund Milt mit der Zauberformel: "Wie
wär's mit Liebe?" in die Quere gekommen. Die Frau hat er auch gleich mitgeliefert.
Seine Frau. Die möchte Milt nämlich dringend loswerden, weil er eine andere will.
So nimmt Howard Marrens Musical "Wie wär's mit Liebe?" als neue "opera
night"-Produktion im Opernhaus des Nationaltheaters seinen Lauf.
Die neuen Liebeskonstellationen allerdings erweisen sich - na eben als Seifenblasen. Die
resolute Ellen kann einfach nicht mit dem verschrobenen Kopfmenschen Harry, dessen
Zufluchtsort eine Papiertüte ist. Und Milts Sexbombe, (die man leider nicht zu Gesicht
bekommt), setzt Fett an. Also alte Liebe, neues Glück? So ungefähr: Harry muss aus
dem Weg. Mittels einiger Slapsticks stürzt jedoch immer der Falsche von der Brücke.
Dank eines Badewannenstöpsels findet indes Milt immer wieder den Weg nach oben.
Überhaupt haben sich Regisseur Andreas May und Ausstatter Stephan F. Rinke allerhand
hübsches Nonsens-Beiwerk einfallen lassen, um die eher dürftige Story von Jeffrey
Sweet und Susan Birkenhead (Gesangstexte) peppig aufzumischen. Auf der den Orchestergraben
abdeckenden Vorbühne des Opernhauses fuhrt vor einer Schlechtwetterkarte (überall
Tiefdrucksysteme!) der leicht schräge Brückensteg quer über eine
Riesenbadewannen. In der dürfen auch schon mal quietschgelbe Plastik-Entlein schwimmen.
Ein Einkaufswagen macht sich hin und wieder selbstständig, der Pudel auf Rollen dient
auch als Schminktäschchen und die drei dekorativen Straßenlaternen sind mit
Wohnzimmer-Lampenschirmen überzogen.
In farblich schön schrillen Kostümen können Heike Theresa Terjung (Ellen),
Robert Schwarts (Milt) und Daniel Böhm (Harry) zeigen, wie viel Comedy-Talent auch in
Opernsängern steckt. Mit viel Liebe zum schrägen Detail, unter Bedienung aller
Klischees amerikanischen Sentimentalitätsgeseiches und witzigen Film- und Tanzzitaten
haben Andreas May und Choreographin Rosemary Neri soviel Komik und Spielfreude entfacht, dass
die Protagonisten selbst dann vom Lachen geschüttelt werden, wenn sie einmal ernst
bleiben sollten. Einfach sympathisch!
Nun war mit Daniel Böhm die Bombenrolle des tolpatschig-depressiv-naiven Harry, der zwar
schon 28 Mal geliebt hat, aber immer noch nicht weiß, wie's geht, auch hinreißend
stimmig besetzt. Ein Jack Lemmon der Opernbühne mit intuitiver Komik, dem richtigen
Gespür für den schmalen Grat zwischen Understatement und Übertreibung und
einem schmuseweichen Schmeichelbariton. Man konnte wirklich Mitleid mit ihm haben.
Als herrisch-spröde, angeblich geistig brillierende, aber dann doch gefühlig
explodierende, attraktive Ellen war auch Heike Theresa Terjung voll in ihrem Element. Ein
bisschen Orlofsky, ein bisschen Carmen: Mit verführerisch dunklem Timbre, Sinn und
Geschmack fürs musikalische Genre zog sie alle Register. Als Meister des Timings und der
souveränen Eleganz erwies sich Robert Schwarts mit flexiblem, angenehmem Tenor. Ein
spritzig-witziger Abend - wäre denn da nicht auch noch die Musik von Howard Marren, die
sich an Einfallslosigkeit nur schwer überbieten lässt. Wohl dem, dessen
musikalischer Anspruch nicht allzu hoch geschraubt ist. Jan Roelof Wolthuis am Klavier und
Synthesizer und seine fünf Mannen an Flöte, Sopransaxofon, Posaune, Eufonium und
Schlagzeug können einem jedenfalls fast Leid tun, mit wie wenig inspirierter,
einfältig und belanglos arrangierter Konfektionsmusik sie da anderthalb Stunden
umzugehen haben. Da klingt nun alles irgendwie gleich langweilig. Schade, denn diese
Produktion hätte fürwahr bessere Musik verdient!
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Darmstädter Echo
Mannheimer
Morgen | Rhein-Neckar-Zeitung | Die Rheinpfalz | scala | Viernheimer Tageblatt
Scala, Kultur im Rhein-Neckar-Dreieck, Juni 2000
"Wie wär's mit Liebe?" im Nationaltheater
Absurdes Vorbühnen-Musical
Die Stadttheater wollen ja bekanntlich auch in einer höheren Musical-Liga mit
spielen, vor allem deshalb, weil das unter Umständen dem Etat gut tut. Andere freilich
werden nicht müde, das Genre Musical an sich für gegenwartswichtig zu halten und
entsprechend zu fordern, dass das auch in den öffentlich-rechtlichen Theatern zum Tragen
kommt. Wie auch immer man zur Gattung Musical steht, eins ist sicher: Es gibt gute und
schlechte. Im Nationaltheater gab es in dieser Spielzeit bereits "Sweeney Todd".
Das war ein gutes Musical. Jetzt kam als Opera Night "Wie wär's mit Liebe"
heraus und ließ die Qualitätsfrage nicht unbedingt zu einer leichten werden.
Denn bei aller - vordergründigen - politischen Unkorrektheit ist die
"literarische" Vorlage, Murray Schisgals "Luv" (1967 mit Jack Lemmon und
Peter Falk verfilmt) doch eine etwas abgeschmackte und ausgesprochen amerikanische
Angelegenheit. Der amerikanische Traum wird in Person des erfolgreichen Börsenmaklers
Milt beschworen und die Liebe als Allheilmittel verkauft, wenn auch in durchaus gebrochener
Art: Auf einer Brücke im nächtlichen Brooklyn verschlingen sich die Schicksale
dreier Menschen. Der lebensmüde Versager Harry trifft hier kurz vor dem Sprung in den
Tod seinen alten Schulfreund Milt, der allerdings nicht zufällig hier ist, sondern seine
Frau Ellen in den Fluss stürzen will, um freie Hand für seine Geliebte zu haben.
Ein unblutiger Ausweg für alle ergibt sich, als Ellen sich mit Harry verkuppeln
lässt. Ein Jahr später treffen sich Milt und Ellen an gleicher Stelle, die
Träume sind geplatzt, die jeweiligen Ehen gescheitert und die Geschiedenen verlieben
sich erneut ineinander. Jetzt ist Harry wieder im Wege.
In der Musicalfassung (Libretto von Jeffrey Sweet) verstärken sich die comichaften
Elemente, die Figuren wirken (von Harry vielleicht abgesehen) holzschnittartig, was die
"Message", so es sich denn tatsächlich um eine handeln sollte, in den
Vordergrund rücken kann. Denn das "Bäumchen-wechsle-Dich" rüttelt
zwar an bürgerlichen Grundfesten, wird aber am Ende ganz hollywoodlike wieder schlicht
negiert, die wahre Liebe in ihren Stand zurück gesetzt, und der (Beziehungs-)Versager
bleibt am Leben und allein.
Howard Marren, der u. a. auch für die "Sesamstraße" gearbeitet hat,
komponierte dazu eine Musik, die übliche Musical-Stereotypen (die immer wiederkehrende,
schöne Melodie, das dramaturgisch kaum zu motivierende showhafte Timing) mit ironischem
Augenzwinkern versieht. Eine kluge, dienliche und vor allem ziemlich witzige Musik mit
opulenten Tönen für banale Alltäglichkeiten, die in Mannheim beim
Bonsai-Orchester unter der musikalischen Leitung von Jan Roelof Wolthuis in besten
Händen ist.
Andreas May nahm derweil die psychologische Untiefe des Plots zum Anlass für viele
spaßige Personenführungs-Details. Und Stefan Rinke hat auf die Vorbühne einen
burlesk-schiefen Steg gebaut, hinter dem eine Hoch- und Tiefdruckkarte, oder wie auch immer
das heißt, zu sehen ist, und sich auch sonst noch so manches Ausstattungs- Aperçu
einfallen lassen. Da lässt sich's beengt, aber trefflich spielen und das Dreiecks-Trio
tut das denn auch.
Vorneweg als Gast der Bariton Daniel Böhm in der Bombenrolle des Harry, der sich bei
jeder gefährlichen Gelegenheit eine Papiertüte über den Kopf stülpt und
auch mal die Hose runterlässt, was in der gesehenen zweiten Vorstellung seine Kollegin
tatsächlich gerissen hat. Böhm gibt den Harry spiellaunig-präzise und
anrührend als jungen Tanzbären. Robert Schwarts, ehedem tenorales Ensemblemitglied,
ist als Sonnyboy Milt ein hoffnungsloser Optimist mit akrobatischen Möglichkeiten und
Heike Teresa Terjung siedelt die ob der Dauertiefe sängerisch eher undankbare Partie der
Ellen zwischen Vamp und Barbie skrupellos an, agiert in den Dialogen allerdings ein bisschen
geziert.
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Darmstädter Echo
Mannheimer
Morgen | Rhein-Neckar-Zeitung | Die Rheinpfalz | scala | Viernheimer Tageblatt
Allgemeine Zeitung Mainz, 25. April 2000
In der Badewanne
Opera-Night Mannheim: "Wie wär's mit Liebe?"
Von Gabriele Weingartner
Auch so können Musicals sein: kurz, schmerzlos, ohne Bombast und Schmalz, aber
dafür mit viel Witz und Melancholie. Diesen erfreulichen Eindruck hinterließ die
neueste "Opera-Night"-Produktion im Mannheimer Nationaltheater. "Wie
wär's mit Liebe? - What's about luv?" wurde gefragt, nach den Noten des
US-Komponisten Howard Marren (der auch für die "Sesamstraße" tätig
war) und dem Libretto von Jeffrey Sweet. Frank Thannhäuser und Nico Rabenald sorgten
für die gefällige deutsche Fassung.
Und in der Tat: Heike Theresa Terjung (Ellen), Daniel Böhm (Harry) und Robert Schwarts
(Milt) gaben in der Inszenierung von Andreas May (musikalische Leitung: Jan R. Wolthuis)
darauf mehr als nur eine kundige Antwort. In einem ideenreich verspielten Ambiente
(Bühnenbild und Kostüme. Stephan F. Rinke) und mit ohrgängigen Melodien gelang
es allen Beteiligten, dem alten Thema scharfsinnig abgewandelte Seiten abzugewinnen.
Kurzfristig ändert sich zwar etwas an der Statik der Liebesbeziehungen, am Ende bleibt
doch alles beim Alten. Und was will der Zuschauer mehr als Veränderung, die nicht weh
tut?
Dabei ist der freche, ja leicht zynische Unterton der Liebesfrage unverkennbar: Milt will
seine Frau Ellen, die "Fellini, Fettuccini und Flamenco" liebt, los werden, um frei
zu sein für andere Abenteuer. Was liegt also näher, als sie seinem Freund Harry
aufzuschwatzen, den er nachts auf der Brücke beim Suizidversuch erwischt? Die beiden
verlieben sich prompt ineinander, wenngleich auch Ellen dem Stadtneurotiker kein wirkliches
Liebesglück verpassen kann. So treffen sich die drei miteinander Verbandelten zum
Schluss wieder auf der Brücke, wo alles begann: Die Eheleute von einst erkennen, dass
sie sich immer noch lieben. Und Harry könnte endgültig Schluss machen.
Wenn nicht der Abfluss der überdimensionalen Badewanne wäre, in die
Bühnenbildner Rinke das ganze Musical-Geschehen gepackt hat. Durch den kann man
nämlich nicht so einfach verschwinden ...
Das Leben – ein Wannebad, inklusive der putzigen Entchen, die darin gelegentlich ihre
Kreise ziehen. Es tut gut, wenn ein Musical mal nicht unter existentiellen Blähungen
leidet, sondern locker und leicht daher kommt, ohne oberflächlich zu sein.
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Darmstädter Echo
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Viernheimer Tageblatt
Kein Anspruch auf gehobene Unterhaltung
NATIONALTHEATER/Lang andauernder Beifall für das Musical "Wie wär's mit
Liebe?"
Mannheims Nationaltheater kümmert sich in jüngster Zeit verstärkt um die
Ausweitung seines Publikumskreises, hinaus über die klassische Oper und das klassische
Schauspiel. So mit einer Reihe von Nachtvorstellungen, die um 21 Uhr oder erst später
beginnen, also für Nachtschwärmer bestens geeignet sind. Die jüngste Produktion
im Opernhaus, "Wie wär's mit Liebe?", ein kleines, eineinhalb Stunden
dauerndes Musical zur Entspannung, zum Vergessen des Alltags, ohne Anspruch auf gehobene
Unterhaltung. Und dass das Publikum dieses Genres da ist, zeigte jetzt wieder die Premiere im
gut besuchten großen Haus des Nationaltheaters. Das Stück "Wie wär's mit
Liebe?" stammt von Jeffrey Sweet nach dem Schauspiel "Luv" von Murray
Schisgal, die Musik komponierte Howard Marren dazu. Seine Komposition ist leicht und
beschwingt, mit eingänglichen Melodien, ohne allzu tiefsinnigen musikalischen Tiefgang,
was bekanntlich für ein leicht beschwingtes Musical absolut nicht notwendig ist.
Probleme scheinbar erledigt
Harry Berlin stolpert als Versager durchs Leben und hat manchmal keinen Lebenswillen mehr.
Sein einziger Freund ist eine Papiertüte, durch deren Überziehen er sich für
seine Umwelt, wie er glaubt, unsichtbar machen kann, somit er also seiner Probleme scheinbar
entledigt ist.
Als er eines Tages seinem Studienfreund Milt begegnet, erlebt er den erfolgreichen Gegensatz.
Dieser hat sich zum erfolgreichen Börsenmakler hoch gearbeitet. Dessen Problem dagegen
ist seine Ehe mit Ellen, der er überdrüssig ist, hat er sich doch längst eine
Blondine als Geliebte auserkoren. Er glaubt diese seine Schwierigkeit dadurch lösen zu
können, dass er seine Frau von der Brücke stürzt.
Doch das Endergebnis seiner Überlegungen erweist sich letztlich als viel einfacher:
Ellen verliebt sich nämlich in den Versager Harry und heiratet ihn. Milt ist Ehefrau
Ellen los und kann sich jetzt seine Blondine zuführen. Alle Probleme scheinen also
bestens gelöst. Doch nur so lange, bis sich die beiden Freunde nach einem Jahr wieder
auf der Brücke begegnen. Milts Blondine ist seiner nämlich längst schon
überdrüssig geworden.
Sie habe zu viel Fett angesetzt, ist dazu seine ästhetische Meinung. Doch auch Harry ist
nach einem Jahr ebenfalls schon der Ehe überdrüssig geworden. Auch hier steht er
also wieder als Versager da. So beginnen zum Schluss des Stückes die alten Probleme der
beiden Freunde von neuem.
Viele Gags eingebaut
Stephan F. Rinke, der für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet, baut
diese Brücke, in der sich die Begegnungen abspielen, schräg über die
Vorbühne hinweg, über einer überdimensionalen Badewanne, die den Fluss optisch
andeuten soll.
Eine entsprechend romantische Beleuchtung wird durch einige Straßenlaternen auf dieser
Brücke optisch reizvoll, also die Phantasie anregend, beigesteuert. Andreas May
lässt in seiner Inszenierung die drei Personen nicht nur flott agieren, sondern baut
auch einige erheiternde Gags ein. So schwimmt durch diese Badewanne schon mal eine
Entenfamilie nach links und dann wieder nach rechts und Ellens Schminkkoffer ist ein
hölzerner Pudel, den sie stets bei sich führt. Doch da ist auch noch ein
altbekannter Einkaufswagen, ganz so, wie man ihn vom Supermarkt kennt, der zu allerlei
Effekten in die Handlung eingebaut ist.
Alles in allem, also trotz problembeladenem Stoff, eine leicht und flott über die
Bühne gehende Inszenierung. Mit Heike Theresa Terjung, Daniel Böhm und Robert
Schwarts hat Mannheim aus seinem bewährten Opernensemble drei Sänger
herausgegriffen, die absolut gekonnt durchaus auch das Talent und das schauspielerische
Können für diese Art der leichten Muse mitbringen.
Die musikalischen Beiträge servierte flott und belebend Jan Roelof Wolthuis mit einem
kleinen Orchester.
Am Ende gibt es herzlichen Beifall für alle Mitwirkenden, allen voran Daniel Böhm,
bei dem sich das Publikum sogar mit Bravorufen bedankt, aber auch Heike Theresa Terjung und
Robert Schwarts sowie das Regieteam ernten herzlichen und lang andauernden Applaus. Mit
absolut frohen und glücklichen Gesichtern ziehen Mannheims Nachtschwärmer aus dem
Nationaltheater aus, anderen Abenteuern entgegeneilend.
Ursula Heiberger
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Darmstädter Echo
Mannheimer
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Darmstädter Echo, Ostern 2000
Herbst in den Herzen
Mannheim: Howard Marrens Musical "Wie wär's mit Liebe?"
Großstadtneurotiker Harry will nicht mehr. Sein Leben ist ein Trauerspiel. Wenn er
sich und die Welt nicht erträgt, stülpt er sich eine Papiertüte über den
Kopf, und manchmal fällt er in eine Depressionsstarre. Nun will Harry von der
Brücke springen. Da kommt sein alter Studienkollege Milt des Weges. Sein Leben ist ein
Glücksspiel, bei dem er bislang fast immer gewonnen hat: Wall-Street-Börsenmakler,
der sich nicht nur einen Swimmingpool, sondern auch eine Geliebte leistet und deshalb soll
jetzt Ehefrau Ellen sterben. Glückliche Fügung: Harry verliebt sich in Ellen, Milt
muss nicht morden, Harry nicht springen.
Auf der Brücke, ein Jahr später: Das junge Glück ist verspielt, Harry war in
der Ehe ein Totalausfall, Milt will zu Ellen zurück, versucht zweimal, den alten Freund
in den Tod zu stoßen, fällt dabei selbst in den Fluss, bevor Harry endlich
springt. So geht's zu im Mini-Musical "Wie wär's mit Liebe?", das Howard
Marren (Musik) und Jeffrey Sweet 1984 am New Yorker Off-Broadway herausgebracht haben;
Vorlage waren ein Theaterstück und die Filmkomödie "Versuch's doch mal mit
meiner Frau" mit Peter Falk und Jack Lemmon (1967). Die Musicalfassung war kein
großer Erfolg. Die Story ist eine tragikomische Belanglosigkeit, die Musik so
eingängig wie konturlos.
Warum das Mannheimer Nationaltheater dieses kleine Singspiel der einsamen Herzen nun unter
der Regie von Andreas May aufgegriffen hat, ist nicht recht nachzuvollziehen. Vielleicht, um
die Singles im Publikum zu verkuppeln? Jedenfalls bietet das Theater am 5. Mai auch eine
Blind-Date-Vorstellung an, bei der man nach der Aufführung mit dem Sitznachbarn zu einer
Kennenlern-Party gehen kann. Das mag eher ein Spaß für etwas gesetztere
Zeitgenossen werden, für Menschen, die in ihrem ersten Frühling vielleicht Peter
Frankenfeld verehrten. An die Musik aus jenen Tagen der Fernsehunterhaltung erinnern
jedenfalls die Songs mit ihrer heiteren Betulichkeit. Im Mannheimer Opernhaus sorgt ein
kleines Blasorchester unter der Leitung von Jan Roelof Wolthuis für eine musikalische
Stimmung, die zwischen Zirkusrevue und Tanzcafe angesiedelt Ist. Die Opernsänger Heike
Theresa Terjung (Ellen), Daniel Böhm (Harry) und Robert Schwarts (Milt) haben keine
besonders anspruchsvollen, aber recht anstrengende Partien: Neunzig Minuten ohne Pause, stets
in Bewegung, überziehen sie Marrens Musik mit ariosem Gesang. Regisseur May lässt
die Herz-Schmerz-Schlagerparade auf einem Steg abschnurren, der die Brücke darstellen
soll, doch Stephan Rinkes Bühnenraum zeigt an, dass dieses Liebesspiel wohl eher
zwischen Wohnzimmer und Küche angesiedelt ist. Von der Brücke ragen Stehlampen auf,
wo der Fluss sein müsste, ist der Abfluss einer Spüle, und statt, wie von Jeffrey
Sweet vorgesehen, der Skylline von New York sehen wir eine Wetterkarte, die dem
Psychometeorologen nichts Gutes verheißt: Es muss Herbst sein in den Herzen, ein
Tiefdruckgebiet liegt neben dem anderen.
Stefan Benz
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