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Rhein-Neckar-Zeitung, Heidelberg, 22., 23., 24. April 2000

Tanzen, springen - auf und von der Brücke
Musical-Premiere "Wie wär's mit Liebe?" am Mannheimer Nationaltheater

Von Rainer Köhl

"Die Liebe ist wie eine Achterbahnfahrt", singt Milt Manville und hat verdammt Recht mit seiner Binsenweisheit. Was ihn betrifft: allemal. Gleich mehrfach muss der erfolgreiche Börsenmakler die Brücke herunterfallen und im kühlen Hudson-River ein unfreiwilliges Bad nehmen, dem Tode knapp entrinnen - alles aus Liebe zu seiner Frau. Die er eigentlich umbringen, von der Brücke stoßen wollte. Und noch einen Todeskandidaten trifft Milt auf der Brücke: seinen alten Studienkollegen Harry. Der hat den gleichen Ort ausgesucht, weil er von seinem kümmerlichen (Liebes-)Leben genug hat. Ein bisschen darf Milt nun lieber Gott spielen und beide vor dem Tod bewahren. "Wie wär's mit Liebe?", fragt er den lebensmüden Harry und bietet ihm wohlfeil die eigene Frau an. Nach anfänglicher Skepsis beißen die beiden willig an.
"Versuch's doch mal mit meiner Frau": unter diesem Titel kam die amerikanische Komödie 1967 in die Kinos. Jack Lemmon und Peter Falk waren in den Hauptrollen zu sehen. Auf dem Schauspiel "Luv" von Jeffrey Sweet basiert der Streifen ebenso wie das Musical "Wie wär's mit Liebe?", das der Komponist Howard Marren 1984 daraus schuf. In der hinreißend gewitzten Regie von Andreas May hatte das anderthalbstündige Musical nun als "opera night" im Mannheimer Nationaltheater Premiere. Auf der Vorderbühne des Opernhauses wird dieses spaßig makabre Drei-Personen-Stück gespielt - hier hat der Ausstatter Stephan Rinke eine hübsche Einrichtung geschaffen mit einer Wetterkarte als Rückprospekt und einem schmalen Brückensteg, auf dem herumzutanzen den Darstellern gute Körperbeherrschung abverlangt. Zumal darunter metertief der Fluss liegt - im Orchestergraben. Und dort hinein geht es mit akrobatischem Wagemut gleich ein paar Mal. Straßenlaternen, die wie Wohnzimmer-Stehlampen aussehen, säumen die Brücke. Mal leuchten sie knallbunt, bringen Romantik ins lustige Treiben, dann wiederum kann man sich gut daran festhalten, um nicht den Fischen Hallo sagen zu müssen. Komische Vögel sind die Figuren alle drei, entsprechend schrill wurden sie eingekleidet. Milt gibt sich sportlich-schnittig und zeigt auch gerne seine Boxershorts, die er unter dem feuerwehrroten Anzug trägt. Seine Frau, Ellen, kommt im Partnerlook mit ihrem rosa Pudel, den sie vor sich herschiebt. Als zickig-spröde Geschäftsfrau stellt sie sich zunächst vor, die vor allem Statistiken und Diagramme im Kopf hat. Selbst auf der nächtlichen Brücke präsentiert sie ein solches - das Liebesbarometer ihres Mannes, das steil nach unten fällt. Der Verlierertyp Harry aber fühlt sich nach der Begegnung mit Ellen so, als könnte er wieder Gedichte schreiben. Daniel Böhm gibt ihn herzensgut wie einen Teddybär, in amourösen Dingen etwas unterentwickelt. Nach einem Jahr treffen sich die drei an gleicher Stelle wieder und diesmal sehen die Vorsätze etwas anders aus ...
Die Aufführung lebt vom hinreißend komödiantischen Spiel der Darsteller. Mit leichter Hand ist dies sehr gewitzt und temporeich in Szene gesetzt, mit spaßigen Einfällen reichlich belebt. Und gesungen wird gleichfalls vortrefflich: Daniel Böhm singt seine Songs rührend komisch und darf herzerweichend schwärmen vom Flamenco-Spiel seiner neuen Angebeteten. Kernig tenoralen Glanz lässt Robert Schwarts als Milt hören, gibt den Songs zündende Agilität. Zum Schießen komisch ist es, wenn die beiden nach verhindertem Brückensprung im frischen Sportsgeist alte Cheerleader-Tugenden von der Uni tanzend hochleben lassen. Ausgelassene Stimmung kommt auf die Brücke nach dem Todesmut. Und Heike Theresa Terjung als Ellen bringt ihren Mezzo gewaltig zum Glühen, um das Power-Frauen-Feuer spüren zu lassen, das ihr in dieser Rolle unter dem Kostüm brennt. Eine sechsköpfige Combo unter Leitung von Jan Roelof Wolthuis spielt dazu schönsten amerikanischen Musical-Stil, Kurt-Weill- und Jazz-inspiriert. Die kurzweilige Aufführung lässt klar werden: es muss nicht unbedingt technisch hochgerüsteter Musical-Pomp her, um das Bedürfnis nach Leichtem zu befriedigen. Diese kleine und feine Produktion bietet mehr geistreichen Witz, schöne Musik, niveauvolle Unterhaltung und Liebenswürdigkeit, als auf Rollerblades umherrasende Technik-Freaks in den großen Musical-Tempeln je haben werden: eben weil diese Geschichte, von lebendigen Charakteren gespielt, mit dem echten Leben zu tun hat.
 


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Die Rheinpfalz, Ludwigshafener Rundschau, 22.April 2000

Die Liebe vor dem Abgrund
Howard Marrens Musical in der "opera night" am Nationaltheater Mannheim

Von unserem Redakteur Karl Georg

Große Gefühle, insbesondere emphatische Liebesbekundungen, spielen in der Oper seit Berg und Weill eine eher untergeordnete Rolle. Seither werden im ernsten Musiktheater vorwiegend die weniger erquicklichen Aspekte menschlicher Emotionalität verhandelt. Die Operette und in der Folge das Musical sind hier sozusagen in der Bresche gesprungen und lassen nach wie vor ziemlich ungebrochen bis zur Grenze der Sentimentalität (und auch schon mal darüber hinaus) die Herzenstöne Klang werden. Das Bühnenwerk mit der innigsten Liebesmusik der vergangenen 50 Jahre ist nicht umsonst Bernsteins "West Side Story". Doch für skeptische Geister gibt es auch Alternativen zu allzu melodramatisch veranlagten Musicals. Das Nationaltheater Mannheim hat nun in der Reihe "opera night" ein solches herausgebracht: "Wie wär's mit Liebe?" von Jeffrey Sweet mit der Musik von Howard Marren nach der mit Peter Falk und Jack Lemmon verfilmten Komödie "Luv" von Murray Schisgal. Schon der freche Titel lässt ahnen, dass hier zwischenmenschliche Beziehungen nicht gerade in ihrer hehren Form thematisiert werden.
In dem 90-minütigen Kammer-Musical klaffen Abgründe und das nicht nur im übertragenen emotionalen Sinn. Das Stück spielt auf einer Brücke in New York, wo sich der Versager Harry gerade in die Tiefe stürzen will. Sein zufällig anwesender Schulfreund Mut hält ihn zurück und offeriert ihm zur Rekreation der erloschenen Lebensgeister seine Gattin Ellen. Die will er los werden, um sich ganz seiner Geliebten Linda widmen zu können. Die Rechnung scheint zunächst für alle glücklich aufzugehen, doch nach einem Jahr trifft sich das Trio auf der Brücke wieder. Milt ist Linda und Ellen ist Harry leid. Die alte Leidenschaft für einander erwacht wieder. Doch wohin jetzt mit dem lästigen Harry? Wollte der nicht in die Tiefe? Zu diesem skurril-komischen Sujet hat Howard Marren eine ausgesprochen amüsante und zündende Musik komponiert, die in effektvoller Weise die üblichen Stilmittel des Genres beschwört und zugleich in jedem Takt hintersinnig ironisiert. In solch pfiffiger Parodie großer Gefühle bietet Marren gleichsam ein Musical über das Musical und deckt vergnüglich dessen musikalische Strategien auf.
Ein köstlicher Theaterspaß, der in Mannheim in einer szenisch wie musikalisch überaus gelungenen Einstudierung präsentiert wird. In dem von Stephan F. Rinke über den Orchestergraben des Opernhauses gebauten und mit witzigen Aperçus versehenen Bühnenbild hat Andreas May das Stück tempo- und einfallsreich in Szene gesetzt. Da gibt es allerhand schrille szenische Gags, die gar nicht tiefgründig sein wollen, sondern ganz unbefangen der Lust am theatralischen Spiel frönen. Dieser Maxime folgten auch die drei Protagonisten. Vor allem Heike Theresa Terjung, die das Mannheimer Opernensemble zum Spielzeitende leider verlässt, zeigte sich als frivole Ellen von einer hinreißend kessen Seite - und traf auch sängerisch den leichten Musical-Ton in idealer Weise. Als treudoofer Harry glänzte Daniel Böhm ebenfalls ohne klamottige Überzeichnung mit immensen Komiker und Sangesqualitäten. Gleiches gilt für Robert Schwarts, der mit launiger Attitüde den smarten Playboy Milt gab.
Die von Jan Roelof Wolthuis geleitete Combo spielte sehr schwungvoll. Für eine flotte Choreografie zeichnete Rosemary Neri verantwortlich.
 


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Mannheimer Morgen, Ostern 2000

Ab in die Badewanne zu den quietschgelben Enten
MUSICAL: "Wie wär's mit Liebe?", die neue Produktion im Opernhaus des Mannheimer Nationaltheaters

Von unserer Mitarbeiterin Susanne Kaulich

Wie Seifenblasen zerstieben Harrys Traume. Ein Jahr lang hat er tapfer an die Liebe zu Ellen geglaubt. Nun ist sie geplatzt. Genau an gleicher Stelle, an der sie ihren Anfang genommen hatte. Auf einer Brücke. Von der er eigentlich hätte hinabspringen wollen. Wäre ihm da nicht zufällig Studienfreund Milt mit der Zauberformel: "Wie wär's mit Liebe?" in die Quere gekommen. Die Frau hat er auch gleich mitgeliefert. Seine Frau. Die möchte Milt nämlich dringend loswerden, weil er eine andere will. So nimmt Howard Marrens Musical "Wie wär's mit Liebe?" als neue "opera night"-Produktion im Opernhaus des Nationaltheaters seinen Lauf.
Die neuen Liebeskonstellationen allerdings erweisen sich - na eben als Seifenblasen. Die resolute Ellen kann einfach nicht mit dem verschrobenen Kopfmenschen Harry, dessen Zufluchtsort eine Papiertüte ist. Und Milts Sexbombe, (die man leider nicht zu Gesicht bekommt), setzt Fett an. Also alte Liebe, neues Glück? So ungefähr: Harry muss aus dem Weg. Mittels einiger Slapsticks stürzt jedoch immer der Falsche von der Brücke. Dank eines Badewannenstöpsels findet indes Milt immer wieder den Weg nach oben.
Überhaupt haben sich Regisseur Andreas May und Ausstatter Stephan F. Rinke allerhand hübsches Nonsens-Beiwerk einfallen lassen, um die eher dürftige Story von Jeffrey Sweet und Susan Birkenhead (Gesangstexte) peppig aufzumischen. Auf der den Orchestergraben abdeckenden Vorbühne des Opernhauses fuhrt vor einer Schlechtwetterkarte (überall Tiefdrucksysteme!) der leicht schräge Brückensteg quer über eine Riesenbadewannen. In der dürfen auch schon mal quietschgelbe Plastik-Entlein schwimmen. Ein Einkaufswagen macht sich hin und wieder selbstständig, der Pudel auf Rollen dient auch als Schminktäschchen und die drei dekorativen Straßenlaternen sind mit Wohnzimmer-Lampenschirmen überzogen.
In farblich schön schrillen Kostümen können Heike Theresa Terjung (Ellen), Robert Schwarts (Milt) und Daniel Böhm (Harry) zeigen, wie viel Comedy-Talent auch in Opernsängern steckt. Mit viel Liebe zum schrägen Detail, unter Bedienung aller Klischees amerikanischen Sentimentalitätsgeseiches und witzigen Film- und Tanzzitaten haben Andreas May und Choreographin Rosemary Neri soviel Komik und Spielfreude entfacht, dass die Protagonisten selbst dann vom Lachen geschüttelt werden, wenn sie einmal ernst bleiben sollten. Einfach sympathisch!
Nun war mit Daniel Böhm die Bombenrolle des tolpatschig-depressiv-naiven Harry, der zwar schon 28 Mal geliebt hat, aber immer noch nicht weiß, wie's geht, auch hinreißend stimmig besetzt. Ein Jack Lemmon der Opernbühne mit intuitiver Komik, dem richtigen Gespür für den schmalen Grat zwischen Understatement und Übertreibung und einem schmuseweichen Schmeichelbariton. Man konnte wirklich Mitleid mit ihm haben.
Als herrisch-spröde, angeblich geistig brillierende, aber dann doch gefühlig explodierende, attraktive Ellen war auch Heike Theresa Terjung voll in ihrem Element. Ein bisschen Orlofsky, ein bisschen Carmen: Mit verführerisch dunklem Timbre, Sinn und Geschmack fürs musikalische Genre zog sie alle Register. Als Meister des Timings und der souveränen Eleganz erwies sich Robert Schwarts mit flexiblem, angenehmem Tenor. Ein spritzig-witziger Abend - wäre denn da nicht auch noch die Musik von Howard Marren, die sich an Einfallslosigkeit nur schwer überbieten lässt. Wohl dem, dessen musikalischer Anspruch nicht allzu hoch geschraubt ist. Jan Roelof Wolthuis am Klavier und Synthesizer und seine fünf Mannen an Flöte, Sopransaxofon, Posaune, Eufonium und Schlagzeug können einem jedenfalls fast Leid tun, mit wie wenig inspirierter, einfältig und belanglos arrangierter Konfektionsmusik sie da anderthalb Stunden umzugehen haben. Da klingt nun alles irgendwie gleich langweilig. Schade, denn diese Produktion hätte fürwahr bessere Musik verdient!
 


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Scala, Kultur im Rhein-Neckar-Dreieck, Juni 2000

"Wie wär's mit Liebe?" im Nationaltheater
Absurdes Vorbühnen-Musical

Die Stadttheater wollen ja bekanntlich auch in einer höheren Musical-Liga mit spielen, vor allem deshalb, weil das unter Umständen dem Etat gut tut. Andere freilich werden nicht müde, das Genre Musical an sich für gegenwartswichtig zu halten und entsprechend zu fordern, dass das auch in den öffentlich-rechtlichen Theatern zum Tragen kommt. Wie auch immer man zur Gattung Musical steht, eins ist sicher: Es gibt gute und schlechte. Im Nationaltheater gab es in dieser Spielzeit bereits "Sweeney Todd". Das war ein gutes Musical. Jetzt kam als Opera Night "Wie wär's mit Liebe" heraus und ließ die Qualitätsfrage nicht unbedingt zu einer leichten werden.
Denn bei aller - vordergründigen - politischen Unkorrektheit ist die "literarische" Vorlage, Murray Schisgals "Luv" (1967 mit Jack Lemmon und Peter Falk verfilmt) doch eine etwas abgeschmackte und ausgesprochen amerikanische Angelegenheit. Der amerikanische Traum wird in Person des erfolgreichen Börsenmaklers Milt beschworen und die Liebe als Allheilmittel verkauft, wenn auch in durchaus gebrochener Art: Auf einer Brücke im nächtlichen Brooklyn verschlingen sich die Schicksale dreier Menschen. Der lebensmüde Versager Harry trifft hier kurz vor dem Sprung in den Tod seinen alten Schulfreund Milt, der allerdings nicht zufällig hier ist, sondern seine Frau Ellen in den Fluss stürzen will, um freie Hand für seine Geliebte zu haben. Ein unblutiger Ausweg für alle ergibt sich, als Ellen sich mit Harry verkuppeln lässt. Ein Jahr später treffen sich Milt und Ellen an gleicher Stelle, die Träume sind geplatzt, die jeweiligen Ehen gescheitert und die Geschiedenen verlieben sich erneut ineinander. Jetzt ist Harry wieder im Wege.
In der Musicalfassung (Libretto von Jeffrey Sweet) verstärken sich die comichaften Elemente, die Figuren wirken (von Harry vielleicht abgesehen) holzschnittartig, was die "Message", so es sich denn tatsächlich um eine handeln sollte, in den Vordergrund rücken kann. Denn das "Bäumchen-wechsle-Dich" rüttelt zwar an bürgerlichen Grundfesten, wird aber am Ende ganz hollywoodlike wieder schlicht negiert, die wahre Liebe in ihren Stand zurück gesetzt, und der (Beziehungs-)Versager bleibt am Leben und allein.
Howard Marren, der u. a. auch für die "Sesamstraße" gearbeitet hat, komponierte dazu eine Musik, die übliche Musical-Stereotypen (die immer wiederkehrende, schöne Melodie, das dramaturgisch kaum zu motivierende showhafte Timing) mit ironischem Augenzwinkern versieht. Eine kluge, dienliche und vor allem ziemlich witzige Musik mit opulenten Tönen für banale Alltäglichkeiten, die in Mannheim beim Bonsai-Orchester unter der musikalischen Leitung von Jan Roelof Wolthuis in besten Händen ist.
Andreas May nahm derweil die psychologische Untiefe des Plots zum Anlass für viele spaßige Personenführungs-Details. Und Stefan Rinke hat auf die Vorbühne einen burlesk-schiefen Steg gebaut, hinter dem eine Hoch- und Tiefdruckkarte, oder wie auch immer das heißt, zu sehen ist, und sich auch sonst noch so manches Ausstattungs- Aperçu einfallen lassen. Da lässt sich's beengt, aber trefflich spielen und das Dreiecks-Trio tut das denn auch.
Vorneweg als Gast der Bariton Daniel Böhm in der Bombenrolle des Harry, der sich bei jeder gefährlichen Gelegenheit eine Papiertüte über den Kopf stülpt und auch mal die Hose runterlässt, was in der gesehenen zweiten Vorstellung seine Kollegin tatsächlich gerissen hat. Böhm gibt den Harry spiellaunig-präzise und anrührend als jungen Tanzbären. Robert Schwarts, ehedem tenorales Ensemblemitglied, ist als Sonnyboy Milt ein hoffnungsloser Optimist mit akrobatischen Möglichkeiten und Heike Teresa Terjung siedelt die ob der Dauertiefe sängerisch eher undankbare Partie der Ellen zwischen Vamp und Barbie skrupellos an, agiert in den Dialogen allerdings ein bisschen geziert.
 


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Allgemeine Zeitung Mainz, 25. April 2000

In der Badewanne
Opera-Night Mannheim: "Wie wär's mit Liebe?"

Von Gabriele Weingartner

Auch so können Musicals sein: kurz, schmerzlos, ohne Bombast und Schmalz, aber dafür mit viel Witz und Melancholie. Diesen erfreulichen Eindruck hinterließ die neueste "Opera-Night"-Produktion im Mannheimer Nationaltheater. "Wie wär's mit Liebe? - What's about luv?" wurde gefragt, nach den Noten des US-Komponisten Howard Marren (der auch für die "Sesamstraße" tätig war) und dem Libretto von Jeffrey Sweet. Frank Thannhäuser und Nico Rabenald sorgten für die gefällige deutsche Fassung.
Und in der Tat: Heike Theresa Terjung (Ellen), Daniel Böhm (Harry) und Robert Schwarts (Milt) gaben in der Inszenierung von Andreas May (musikalische Leitung: Jan R. Wolthuis) darauf mehr als nur eine kundige Antwort. In einem ideenreich verspielten Ambiente (Bühnenbild und Kostüme. Stephan F. Rinke) und mit ohrgängigen Melodien gelang es allen Beteiligten, dem alten Thema scharfsinnig abgewandelte Seiten abzugewinnen. Kurzfristig ändert sich zwar etwas an der Statik der Liebesbeziehungen, am Ende bleibt doch alles beim Alten. Und was will der Zuschauer mehr als Veränderung, die nicht weh tut?
Dabei ist der freche, ja leicht zynische Unterton der Liebesfrage unverkennbar: Milt will seine Frau Ellen, die "Fellini, Fettuccini und Flamenco" liebt, los werden, um frei zu sein für andere Abenteuer. Was liegt also näher, als sie seinem Freund Harry aufzuschwatzen, den er nachts auf der Brücke beim Suizidversuch erwischt? Die beiden verlieben sich prompt ineinander, wenngleich auch Ellen dem Stadtneurotiker kein wirkliches Liebesglück verpassen kann. So treffen sich die drei miteinander Verbandelten zum Schluss wieder auf der Brücke, wo alles begann: Die Eheleute von einst erkennen, dass sie sich immer noch lieben. Und Harry könnte endgültig Schluss machen.
Wenn nicht der Abfluss der überdimensionalen Badewanne wäre, in die Bühnenbildner Rinke das ganze Musical-Geschehen gepackt hat. Durch den kann man nämlich nicht so einfach verschwinden ...
Das Leben – ein Wannebad, inklusive der putzigen Entchen, die darin gelegentlich ihre Kreise ziehen. Es tut gut, wenn ein Musical mal nicht unter existentiellen Blähungen leidet, sondern locker und leicht daher kommt, ohne oberflächlich zu sein.
 


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Viernheimer Tageblatt

Kein Anspruch auf gehobene Unterhaltung
NATIONALTHEATER/Lang andauernder Beifall für das Musical "Wie wär's mit Liebe?"

Mannheims Nationaltheater kümmert sich in jüngster Zeit verstärkt um die Ausweitung seines Publikumskreises, hinaus über die klassische Oper und das klassische Schauspiel. So mit einer Reihe von Nachtvorstellungen, die um 21 Uhr oder erst später beginnen, also für Nachtschwärmer bestens geeignet sind. Die jüngste Produktion im Opernhaus, "Wie wär's mit Liebe?", ein kleines, eineinhalb Stunden dauerndes Musical zur Entspannung, zum Vergessen des Alltags, ohne Anspruch auf gehobene Unterhaltung. Und dass das Publikum dieses Genres da ist, zeigte jetzt wieder die Premiere im gut besuchten großen Haus des Nationaltheaters. Das Stück "Wie wär's mit Liebe?" stammt von Jeffrey Sweet nach dem Schauspiel "Luv" von Murray Schisgal, die Musik komponierte Howard Marren dazu. Seine Komposition ist leicht und beschwingt, mit eingänglichen Melodien, ohne allzu tiefsinnigen musikalischen Tiefgang, was bekanntlich für ein leicht beschwingtes Musical absolut nicht notwendig ist.

Probleme scheinbar erledigt

Harry Berlin stolpert als Versager durchs Leben und hat manchmal keinen Lebenswillen mehr. Sein einziger Freund ist eine Papiertüte, durch deren Überziehen er sich für seine Umwelt, wie er glaubt, unsichtbar machen kann, somit er also seiner Probleme scheinbar entledigt ist.
Als er eines Tages seinem Studienfreund Milt begegnet, erlebt er den erfolgreichen Gegensatz. Dieser hat sich zum erfolgreichen Börsenmakler hoch gearbeitet. Dessen Problem dagegen ist seine Ehe mit Ellen, der er überdrüssig ist, hat er sich doch längst eine Blondine als Geliebte auserkoren. Er glaubt diese seine Schwierigkeit dadurch lösen zu können, dass er seine Frau von der Brücke stürzt.
Doch das Endergebnis seiner Überlegungen erweist sich letztlich als viel einfacher: Ellen verliebt sich nämlich in den Versager Harry und heiratet ihn. Milt ist Ehefrau Ellen los und kann sich jetzt seine Blondine zuführen. Alle Probleme scheinen also bestens gelöst. Doch nur so lange, bis sich die beiden Freunde nach einem Jahr wieder auf der Brücke begegnen. Milts Blondine ist seiner nämlich längst schon überdrüssig geworden.
Sie habe zu viel Fett angesetzt, ist dazu seine ästhetische Meinung. Doch auch Harry ist nach einem Jahr ebenfalls schon der Ehe überdrüssig geworden. Auch hier steht er also wieder als Versager da. So beginnen zum Schluss des Stückes die alten Probleme der beiden Freunde von neuem.

Viele Gags eingebaut

Stephan F. Rinke, der für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet, baut diese Brücke, in der sich die Begegnungen abspielen, schräg über die Vorbühne hinweg, über einer überdimensionalen Badewanne, die den Fluss optisch andeuten soll.
Eine entsprechend romantische Beleuchtung wird durch einige Straßenlaternen auf dieser Brücke optisch reizvoll, also die Phantasie anregend, beigesteuert. Andreas May lässt in seiner Inszenierung die drei Personen nicht nur flott agieren, sondern baut auch einige erheiternde Gags ein. So schwimmt durch diese Badewanne schon mal eine Entenfamilie nach links und dann wieder nach rechts und Ellens Schminkkoffer ist ein hölzerner Pudel, den sie stets bei sich führt. Doch da ist auch noch ein altbekannter Einkaufswagen, ganz so, wie man ihn vom Supermarkt kennt, der zu allerlei Effekten in die Handlung eingebaut ist.
Alles in allem, also trotz problembeladenem Stoff, eine leicht und flott über die Bühne gehende Inszenierung. Mit Heike Theresa Terjung, Daniel Böhm und Robert Schwarts hat Mannheim aus seinem bewährten Opernensemble drei Sänger herausgegriffen, die absolut gekonnt durchaus auch das Talent und das schauspielerische Können für diese Art der leichten Muse mitbringen.
Die musikalischen Beiträge servierte flott und belebend Jan Roelof Wolthuis mit einem kleinen Orchester.
Am Ende gibt es herzlichen Beifall für alle Mitwirkenden, allen voran Daniel Böhm, bei dem sich das Publikum sogar mit Bravorufen bedankt, aber auch Heike Theresa Terjung und Robert Schwarts sowie das Regieteam ernten herzlichen und lang andauernden Applaus. Mit absolut frohen und glücklichen Gesichtern ziehen Mannheims Nachtschwärmer aus dem Nationaltheater aus, anderen Abenteuern entgegeneilend.

Ursula Heiberger
 


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Darmstädter Echo, Ostern 2000

Herbst in den Herzen
Mannheim: Howard Marrens Musical "Wie wär's mit Liebe?"

Großstadtneurotiker Harry will nicht mehr. Sein Leben ist ein Trauerspiel. Wenn er sich und die Welt nicht erträgt, stülpt er sich eine Papiertüte über den Kopf, und manchmal fällt er in eine Depressionsstarre. Nun will Harry von der Brücke springen. Da kommt sein alter Studienkollege Milt des Weges. Sein Leben ist ein Glücksspiel, bei dem er bislang fast immer gewonnen hat: Wall-Street-Börsenmakler, der sich nicht nur einen Swimmingpool, sondern auch eine Geliebte leistet und deshalb soll jetzt Ehefrau Ellen sterben. Glückliche Fügung: Harry verliebt sich in Ellen, Milt muss nicht morden, Harry nicht springen.
Auf der Brücke, ein Jahr später: Das junge Glück ist verspielt, Harry war in der Ehe ein Totalausfall, Milt will zu Ellen zurück, versucht zweimal, den alten Freund in den Tod zu stoßen, fällt dabei selbst in den Fluss, bevor Harry endlich springt. So geht's zu im Mini-Musical "Wie wär's mit Liebe?", das Howard Marren (Musik) und Jeffrey Sweet 1984 am New Yorker Off-Broadway herausgebracht haben; Vorlage waren ein Theaterstück und die Filmkomödie "Versuch's doch mal mit meiner Frau" mit Peter Falk und Jack Lemmon (1967). Die Musicalfassung war kein großer Erfolg. Die Story ist eine tragikomische Belanglosigkeit, die Musik so eingängig wie konturlos.
Warum das Mannheimer Nationaltheater dieses kleine Singspiel der einsamen Herzen nun unter der Regie von Andreas May aufgegriffen hat, ist nicht recht nachzuvollziehen. Vielleicht, um die Singles im Publikum zu verkuppeln? Jedenfalls bietet das Theater am 5. Mai auch eine Blind-Date-Vorstellung an, bei der man nach der Aufführung mit dem Sitznachbarn zu einer Kennenlern-Party gehen kann. Das mag eher ein Spaß für etwas gesetztere Zeitgenossen werden, für Menschen, die in ihrem ersten Frühling vielleicht Peter Frankenfeld verehrten. An die Musik aus jenen Tagen der Fernsehunterhaltung erinnern jedenfalls die Songs mit ihrer heiteren Betulichkeit. Im Mannheimer Opernhaus sorgt ein kleines Blasorchester unter der Leitung von Jan Roelof Wolthuis für eine musikalische Stimmung, die zwischen Zirkusrevue und Tanzcafe angesiedelt Ist. Die Opernsänger Heike Theresa Terjung (Ellen), Daniel Böhm (Harry) und Robert Schwarts (Milt) haben keine besonders anspruchsvollen, aber recht anstrengende Partien: Neunzig Minuten ohne Pause, stets in Bewegung, überziehen sie Marrens Musik mit ariosem Gesang. Regisseur May lässt die Herz-Schmerz-Schlagerparade auf einem Steg abschnurren, der die Brücke darstellen soll, doch Stephan Rinkes Bühnenraum zeigt an, dass dieses Liebesspiel wohl eher zwischen Wohnzimmer und Küche angesiedelt ist. Von der Brücke ragen Stehlampen auf, wo der Fluss sein müsste, ist der Abfluss einer Spüle, und statt, wie von Jeffrey Sweet vorgesehen, der Skylline von New York sehen wir eine Wetterkarte, die dem Psychometeorologen nichts Gutes verheißt: Es muss Herbst sein in den Herzen, ein Tiefdruckgebiet liegt neben dem anderen.

Stefan Benz
 

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