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SWR 2 - Sendung "Kultur im Land", 30. Oktober 2003
Dido und Aeneas
Kritik von Ulrich Teusch
[Anmoderation]
Open-Air-Opern mit antiken Sujets - das gibt's in Trier nicht nur bei den Antikenfestspielen, sondern auch im Rahmen der Mosel Festwochen. Im Innenhof des Kurfürstlichen Palais stand gestern Abend Henry Purcells (vermutlich 1686 entstandene) Barock-Oper "Dido und Aeneas" auf dem Programm. Alleiniger Veranstalter der Aufführung war der "Trierer Konzertchor" - für das profilierte Laien-Ensemble nicht nur eine große künstlerische Herausforderung, sondern auch ein finanzielles Risiko, denn die Produktion schlägt mit mehr als 50.000 Euro zu Buche. Wie schon vor drei Jahren, als sich der Konzertchor mit Glucks "Orpheus und Eurydike" erstmals an ein Opernprojekt wagte, stand das Unternehmen auch diesmal im Zeichen einer Vater-Sohn Kooperation: Der langjährige Konzertchor-Chef Manfred May dirigierte die Oper, sein Sohn Andreas May, kürzlich mit dem Europäischen Opernregie-Preis ausgezeichnet, übernahm die Inszenierung.
[Beitrag]
O-Ton KonzertChor
Die von allen Beteiligten erhoffte "laue Sommernacht" wurde es zwar nicht - doch immerhin: am Abend blieb es in Trier trocken und die Aufführung konnte, wie geplant, unter freiem Himmel stattfinden. "Dido und Aeneas" ist die einzige vollwertige Oper des mit nur 36 Jahren verstorbenen englischen Komponisten Henry Purcell, zugleich handelt es sich um die erste vollwertige englische Oper überhaupt. Bis dahin kannte man auf der Insel lediglich diverse Mischformen aus Schauspiel, Musik und Tanz. Die Handlung, von Purcell wie im Brennspiegel auf nur eine Stunde konzentriert, spielt in Karthago nach dem Ende des Trojanischen Krieges. Die Königin Dido und der trojanische Held Aeneas sind in Liebe zueinander entbrannt. Obwohl zunächst zögerlich, gibt Dido ihren Gefühlen und dem Werben des Geliebten nach. Doch missgünstigen Hexen gelingt es, die Verbindung der beiden zu vereiteln. Arglistig täuschen sie Aeneas einen Götterbefehl vor, der ihn zum Abzug nach Italien zwingt. Dido, die verlassene Geliebte, stirbt vor Gram.
In seiner originellen, ironisch gebrochenen, mit komödiantischen Elementen versetzten Inszenierung lässt Andreas May das Stück in einer Schulklasse spielen. Eine Lehrerin steht vor einer Tafel und bringt ihren Schülern die Geschichte von Dido und Aeneas nahe. Das ist zugleich eine Verständnishilfe für die Zuschauer, denn gesungen wird das englische Original, und auf der Tafel erscheint per Overhead-Projektor die deutsche Kurzfassung. Mit der Zeit geraten die Schüler, gespielt vom Chor, immer tiefer ins Geschehen hinein, zwei Ebenen gehen ineinander über. May bedient sich hier des alten und beliebten Kunstgriffs des "Theaters auf dem Theater", doch selten hat man ihn so schlüssig begründet gesehen wie hier. Denn tatsächlich hat die erste dokumentierte Aufführung von Purcells Oper 1689 in einer Mädchenschule stattgefunden. Was macht für Andreas May die Aktualität des Werks aus?
O-Ton Andreas May
Auch musikalisch erlebte man einen Opernabend auf hohem Niveau und aus einem Guss. Zum Erfolg trugen das ausgezeichnete Kurpfälzische Kammerorchester aus Mannheim sowie die durchweg guten, wenn auch nicht überragenden Solisten bei. Besonders erwähnt sei Gundula Schneider als Dido, die kurzfristig für eine erkrankte Kollegin eingesprungen ist.
O-Ton KonzertChor (bis zum Ende des Beitrags)
Der Star des Abends war der Chor: Sängerisch vorzüglich, ungemein spielfreudig, stets präsent, intelligent in die Inszenierung einbezogen.
Wird es zukünftig weitere Opernprojekte des Trierer Konzertchors geben? So sehr man sich das wünschen mag: Fürs erste wird sich der Chor wieder seinem ebenso umfangreichen wie anspruchsvollen Konzertprogramm widmen. Angesichts der Tatsache, dass alle Mitglieder des Ensembles, inklusive seines Leiters, sich ehrenamtlich engagieren und das nötige Geld für ein Opernprojekt erst mühsam zusammenkratzen müssen, sollte man für diese Prioritätensetzung Verständnis haben.
[Abmoderation]
Die Oper "Dido und Aeneas" ist nochmals heute Abend (30.8.) um 21 Uhr im Innenhof des Kurfürstlichen Palais in Trier zu erleben. Bei schlechtem Wetter wird die Veranstaltung in die Abteikirche St. Maximin verlegt.
Zu den Rezensionen: SWR2 | Trierischer Volksfreund | Luxemburger Wort
Trierischer Volksfreund, 1. September 2003
Gute Zeiten, schlechte Zeiten im Mädchenpensionat
Henry Purcells "Dido und Aeneas" neu gesehen: Barocke Oper wird ungeahnt aktuell
Von unserem Redakteur DIETER LINTZ
TRIER. Zitterpartie mit glücklichem Ausgang: Allen Wetter-Unbilden zum Trotz konnte der Trierer Konzertchor seine Opern-Premiere wie geplant "Open air" im Innenhof des Kurfürstlichen Palais feiern.
Er liebt sie und sie liebt ihn. Alles könnte so einfach sein, wäre da nicht die Umwelt, die Missgunst und Verwirrung sät. Er ist zu feige, ihr zu sagen, dass er wegen des Jobs für längere Zeit woanders hin muss. Sie sieht ihm das schlechte Gewissen an der Nasenspitze an und ist tödlich beleidigt, dass er überhaupt in Erwägung zieht, weg zu gehen. Triumph der Intriganten, tragisches Ende einer hoffnungsvollen Beziehung.
Die gute alte Tante Oper ist moderner, als man denkt
"Gute Zeiten, schlechte Zeiten"? "Verbotene Liebe"? Irrtum. "Dido und Aeneas", geschrieben und komponiert im Jahr 1689. Und die ursprüngliche Geschichte ist, wie der geneigte Leser von "Schwabs Sagen des klassischen Altertums" weiß, noch drei Jahrtausende älter.
Die alte Tante Oper ist moderner, als man denkt. Vorausgesetzt, man räumt den Schutt der Jahre so originell beiseite, wie es die neue Produktion des Trierer Konzertchors tut.
Die Geschichte vom trojanischen Königssohn, der nach dem Fall seiner Heimatstadt in Karthago landet, dort um die Königin Dido freit, bis ihn böse Geister vermittels eines fingierten Götterbefehls zum Weiterzug bewegen, worauf Dido vor Gram stirbt: Regisseur Andreas May bettet sie in eine neue Rahmenhandlung ein. Dabei greift er auf, dass die erste verbürgte Aufführung von Purcells Oper in einer Mädchenschule stattfand.
So findet sich das Publikum im Innenhof des kurfürstlichen Palais plötzlich als Zaungast einer Schulstunde wieder. Gemütlich schlendern die Schüler über den Hof, bis die Glocke zum Unterricht ruft. Der "Obermacker" der Klasse kommt mit der Freundin im Arm, die schüchterne Musterschülerin wird von der fröhlichen "Betriebsnudel" der Klasse begleitet.
Die gestrenge Lehrerin lässt an einer überdimensionalen Tafel per Folienprojektion den Lehrstoff der Stunde Revue passieren: Die Sage von "Dido und Aeneas". Stück für Stück wachsen die Schüler in die Rollen, verschränken sich Schulstunde und Spielhandlung. Aeneas, der Macker, und Dido, die Musterschülerin, verlieben sich; die geschasste Freundin verwandelt sich in eine böse Zauberin, tauscht sogar die Folien der Lehrerin aus, fälscht das Drehbuch, um das Happy End zu verhindern.
Das ist fantasievoll und detailgenau durchdacht, stellenweise auch in eine tolle Bildersprache umgesetzt. Und im Kopf funktioniert es auch. Aber auf der Bühne ertrinkt das Verständnis für die Handlung bisweilen in der Ideenflut des Regisseurs.
Dabei fehlt es nicht an Bemühungen, den Ablauf transparent zu machen. Die Schüler sind in einheitliche weiße Uniformen gekleidet. Übernehmen sie eine Rolle, dann treten sie in einem farbigen Kostüm auf. Die Sänger spielen ihre Rollen plastisch, der Chor agiert mit demonstrativer Deutlichkeit. Aber die vielen Handlungsfäden entwirren sich auf der breiten, unübersichtlichen Bühne nicht immer. Weniger könnte durchaus mehr sein.
Was nicht für die Musik gilt. Das Solisten-Quartett überzeugt mit einer Gesangskultur, die der Barock-Oper und ihrer gemessen-schlichten, auf Exaltation verzichtenden Stilistik vollauf gerecht wird. Gundula Schneider, kurzfristig für die erkrankte Eva-Maria Günschmann eingesprungen, gestaltet eine innige Dido, Tobias Scharfenbergers Aeneas überzeugt in lyrischen und kraftvollen Passagen gleichermaßen, Christina Clark bezaubert als agile, spielfreudige Belinda, Maria Kowollik verleiht der Zauberin den nötigen dämonischen Glanz (in weiteren Rollen: Tanja Ponten, Manuel Stöbel, Anja Weichert).
Das Kurpfälzische Kammerorchester kommt über eine solide Begleiterrolle nicht hinaus; eigene Akzente, dynamische Ausrufezeichen, Dialoge mit den Sängern sind Mangelware. Was auch damit zusammenhängen mag, dass Dirigent Manfred May, gesundheitlich stark angeschlagen, direkt aus dem Krankenhaus ans Pult eilen musste.
Ein Wunder vor der Basilika-Kulisse
Was immer man am Dirigenten May kritisieren mag: Der Chorleiter May hat ein Wunder vollbracht. Die Leistung des Konzertchors, das exakte Ausleuchten von Purcells musikalischen Gefühlswelten, der exzellente idiomatische Umgang mit den englischen Texten, die fein ziselierten Stimmungswechsel: Das wäre schon konzertant ein Meisterstück. Angesichts der komplizierten szenischen Aufgaben, die die Laien-Akteure "nebenher" erfüllen müssen, ist es eine Glanzleistung. Vergleichbare Qualität hätte man sich für die Antikenfestspiele gewünscht, aber dafür müssen Regisseur und Dirigent den Chor wie hier als zentrales Element einer Produktion begreifen und nicht als schmückendes Beiwerk
So wird der Abend vor der eindrucksvollen Basilika-Kulisse ein Erlebnis, nicht zuletzt dank der ideenreichen Ausstattung von Stephan Rinke und dem stimmungsvollen Licht von Reimar Toepell. Und auch das Orchester holt sich später seine Lorbeeren, mit Händels "Feuerwerksmusik", die Jochen Schaaf mit frischen Tempi und angenehm unpompös dirigiert.
Zu den Rezensionen: SWR2 | Trierischer Volksfreund | Luxemburger Wort
Luxemburger Wort, 4. September 2003
Spielerische Schulstunde mit antikem Mythos
Purcells "Dido und Aeneas" bei den Moselfestwochen in Trier
Glück gehabt. Eine Openair-Opernpremiere direkt eingebettet in eine gnädige Regenlücke, die der wechselhafte Wetterablauf der vergangenen Tage gestattete. Innerhalb der diesjährigen Moselfestwochen blickte man im Rahmen der vielen Kulturen des rheinland-pfälzischen Kultursommers nach England und realisierte mit Henry Purcells "Dido und Aeneas" eine Barockoper, die schon von ihrem Entstehungsprozess aus dem üblichen Muster früher Opernproduktionen herausfällt.
Purcells Bühnenwerk um den Mythos des trojanischen Helden Aeneas und seiner Verbindung zur Königin von Karthago, Dido, soll der Überlieferung zufolge für ein Mädchenpensionat geschrieben worden sein und wurde auch in einem solchen im Jahre 1689 aufgeführt.
Die Trierer Festwochen-Inszenierung griff auf diesen Tatbestand zurück und entwickelte daraus eine eigenwillige, durchaus moderne Darbietungsversion, die dem Werk und seinem Geschehen einen unkonventionellen Habitus verliehen.
Es war der Trierer Konzertchor unter seinem stets engagierten Leiter Manfred May, der gemeinsam mit dem Kurpfälzischen Kammerorchester Mannheim und einem Ensemble ausgewählter Solisten die Oper in englischer Originalsprache des Librettos von Nahum Tate zur Aufführung brachte, doch es war vor allem Regisseur Andreas May, der die Idee verwirklichte, aus dem antiken Mythos der britischen Barockoper eine spielerische Schulstunde im Sinne eines Theaters auf dem Theater zu machen. So setzte sich denn der Chor auf der von farbigen Schreibstiften als Stelen eingerahmten Bühne (Ausstattung: Stephan F. Rinke) auf Stuhlreihen und erblickte vor sich eine traditionelle Schultafel, diesmal aber als Monitor eines Computers ausgestattet, auf dem die Inhaltserläuterungen der Oper aufschienen, von einer Lehrerin mit Zeigestock stumm kommentiert.
Zauberer, Hexen und Geister charakterisieren den Handlungsrahmen, in dem sich die Liebeskatastrophe zwischen Dido und Aeneas abspielt. Aeneas verlässt Karthago, um in Rom zu neuen Ufern aufzubrechen. Doch Dido geht an diesem Verlust zugrunde.
diese Tragik vermisst man in der Trierer Inszenierung, die in ihrem Ablauf zu abstrakt erscheint, wobei das Spiel der Schulklasse in die Abläufe der Opernhandlung die Entfremdung eher steigert. Doch im Zentrum der Aufführung steht in Trier letztlich die musikalische Darbietung, der man eine Spitzenqualität bescheinigen kann. Hier steht einmal der Trierer Konzertchor im Mittelpunkt, der von den herrlichen Echogesängen bis zu den Lach- und Jubelchören innerhalb der Handlung in herrlicher Weise zu überzeugen vermag. In den Titelpartien gestalten Gundula Schneider als Dido und Tobias Scharfenberger als Aeneas ihre Rollen in bestechendem Stimmklang. In nicht minder herausragender Weise gestalten Christina Clark (Belinda), Maria Kowollik (Zauberin), Tanja Ponten (Hexe) und Manuel Stöbel (Matrose und Geist) ihre Partien im Konsens mit den Erfordernissen der Figuren.
In allen Phasen der Aufführung zeigte Manfred May mit den Mitgliedern des Kurpfälzischen Kammerorchesters einen verhaltenen Orchesterklang, der sich einmal in den Gesangsrhythmus der Solopartien einbettet, sie mit Celli und Continuo-Begleitung einfühlsam umgibt, zum anderen aber in den zahlreichen tänzerischen Instrumentaleinschüben des Werkes oder bei den Intermezzi der Hexenauftritte charakteristische Markierungen der Werksgestaltung Purcells aufzeigt.
Das Publikum reagierte auf den musikalischen Teil des Abends mit minutenlangem Beifall, doch nach einer Pause folgte dann noch die berühmte "Feuerwerksmusik" Georg Friedrich Händels, denn schließlich befand man sich ja im Innenhof des Kurfürstlichen Palais' in Trier, und dieses Palais hat ja auch noch einen traditionellen Garten.
Nach den Klängen des musikalischen Feuerwerks gab es dann in diesem Garten ein reales knallendes Feuerwerk in bunt gefächerter Ausführung und mit immenser Sprühkraft. Das Wetter spielte auch hier mit sternklarem Himmel mit, und die im Innenhof auf der Bühne von Reimar Toepell arrangierte Lichtregie der theatralischen Darbietung setzte sich in den funkelnden Lichtelementen des Feuerwerks fort. Glück gehabt!
W. Stauch-v. Quitzow
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