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Über die Konzeption zu "Dido and Aeneas"
Ein Gespräch mit dem Regisseur Andreas May
Viele Besucher erinnern sich gerne an die poetische, sehr moderne Inszenierung von Glucks Oper "Orfeo ed Euridice". Was erwartet die Zuschauer dieses Jahr bei Purcells "Dido and Aeneas?"
Der Zuschauer sieht eine Schulklasse, die sich in einem Seminar über die Antike mit dem Mythos "Dido and Aneas" beschäftigt. Während sich im Klassenraum die alltäglichen Dramen um Liebe und Eifersucht ereignen, wird gleichzeitig die alte Geschichte von Dido und Aeneas erzählt. Dabei werden die Ebenen unseres Alltags und die Geschichte der Heroen wechselseitig auf einander bezogen. Das heißt zwischen den (erwachsenen) Schülern entwickelt sich eine der Opernhandlung vergleichbare Konstellation: Eine Frau liebt einem Mann, traut sich aber nicht, ihm ihre Liebe zu gestehen. Ihre Freundin sieht, dass ihre Liebe erwidert wird und rät ihr, sich zu offenbaren. Doch die bisherige Freundin des Mannes, versucht eifersüchtig die sich anbahnende Beziehung zu verhindern.
Wie sind Sie auf diese Konzeption gekommen?
Die Oper in eine Schulsituation zu transferieren ist eine genaue Auseinandersetzung mit der Werkgeschichte der Oper. Wir wissen heute zwar nicht genau, wann "Dido and Aeneas" entstanden ist und für welchen Anlass die Oper eigentlich komponiert wurde - doch wir wissen, dass die erste Aufführung eine Schulaufführung in einem Mädcheninternat war.
Daneben beschreibt die Konzeption "Schule" unser heutiges Verhältnis zur antiken Mythologie. In der "Schule" befragen wir die Aktualität dieser ‚alten' Geschichten, thematisieren Distanz und Nähe, suchen nach Berührungspunkten zu unserem heutigen Leben und stellen die große Frage, was uns die "Schule der Künste" lehren kann.
Bedeutet diese Bildfindung, dass die der Oper zugrunde liegende reiche, mythische Handlung hinter dem nüchternen, tristen Schulalltag zurück tritt?
Nein, keineswegs. Was zunächst wie zwei verschiedene Ebenen aussieht - der Alltag der Schüler auf der einen Seite, der Schulstoff des Kurses auf der anderen Seite - wird eng miteinander verwoben. Denn im Verlauf der Oper, wenn die Schüler bemerken, wie nah ihnen die alte Geschichte ist, übernehmen sie mehr und mehr die antiken Rollen: Die Schüler "realisieren" die Geschichte von Dido and Aeneas, sie schlüpfen in die Rollen der antiken Geschichte. Und dieses Hineinschlüpfen werden wir durch Kostümteile zeigen, die im Verlaufe der Oper auf offener Bühne angezogen werden. Dabei wirken die ausgewählten Kostüme und Requisiten im Kontrast mit der "alltäglichen" Schulsituation besonders reich.
Sie erzählen die Geschichte also als ein "Theater auf dem Theater".
Ja, denn "Theater auf dem Theater" ist ein altes, sehr intelligentes und kostbares Instrument, um Vorgänge durchschaubar und verstehbar zu machen. Hier thematisiert es unseren Umgang mit alten, uns fremd erscheinenden Stoffen und beweist zugleich deren ungebrochene Aktualität. - Außerdem setzt dieses Mittel die Phantasie frei: Im Theater auf dem Theater ist einfach alles möglich.
In jeder Schule gibt es einen Lehrer ...
... und auch in unserer Aufführung. Eine Lehrerin unterrichtet den Stoff, indem sie den Inhalt der kommenden Szenen an eine Tafel projiziert. Diese inhaltliche Vorwegnahme erleichtert nicht nur das Verstehen der Oper, sondern suggeriert auch eine schicksalshafte Vorherbestimmtheit des Geschehens.
Wenn in der Oper die Sourceress jedoch den Untergang Didos plant, trickreich einen falschen Boten schickt und so in das Schicksal eingreift, werden gleichzeitig auch die Projektionsvorlagen der Lehrerin gestohlen und gegen inhaltlich veränderte ausgetauscht.
Durch diese Vorgänge wird die schicksalhafte Zwangsläufigkeit der Handlung grundsätzlich in Frage gestellt und auf die alte Frage nach einer Vorherbestimmtheit des Lebens und einem angemessenen Umgang mit ihr gibt die Oper eine interessante Antwort: Der Mensch hat den Auftrag alles in Frage zu stellen, was ihm so schicksalhaft entgegen tritt. Denn er ist absolut frei in seiner Entscheidung, wie er mit schicksalhaft erscheinenden Ereignissen umgehen möchte. Und diese Freiheit bedeutet zugleich eine große Last - die Last, ganz allein für sich selbst verantwortlich zu sein.
[Programmheft zu Henry Purcell: Dido and Aeneas. Gestaltung: Richard Krings. Moselfestwochen 2003]
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