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Münstersche Zeitung, 10. Oktober 2002

Der Tanz des Abendkranichs
Theater: Poetische Inszenierung eines japanischen Volksmärchens im Borchert-Theater

Münster. In dem Märchen "Die wilden Schwäne" von Hans Christian Andersen werden Prinzen in Schwäne verwandelt. Erst die Liebe ihrer Schwester hilft ihnen, wieder Mensch zu werden. In Japan gibt es ein ähnliches Märchen: Den Kindern wird dort vom Abendkranich erzählt. Im Wolfgang Borchert Theater in Münster nahm gestern bei der Premiere von "Der Abendkranich" der Vogel mit den weiten Schwingen die Gestalt des Mädchens Tsu an. Eine poetische Inszenierung mit einprägsamen, ausdrucksstarken Bildern, die Schattenspiel, klassisches Theater und Tanz fein miteinander verwebt.
Der Anfang ist Schattenspiel: Mit weiten Schwingen gleitet ein Kranich durch die Lüfte, ruckt seinen Kopf, spreizt die Federn. Der sanfte Flug wird jäh gestört, als ein Jäger einen Pfeil auf ihn abschießt. Der Fischer Yohyo findet das verletzte Tier und hilft ihm, wieder zu Kräften zu kommen. Und plötzlich schält sich aus dem Schatten des Kranichs ein Mädchen: Tsu. Das Licht geht an, der Vorhang auf - und man befindet sich mitten in Japan.
Der Schatten-Kranich ist die Tänzerin Olatz Arabaolaza. Ihre anmutigen und präzisen Bewegungen hinter dem Vorhang reichen aus, um die Illusion eines Kranichs perfekt zu machen. Auch nach dem Schattenspiel braucht sie kein Vogelkostüm: Die von ihr selbst erdachte Choreografie ist gleichsam die Wesensart des Tieres. Im Fortgang der Geschichte bleibt die Tänzerin wie ein Mahner der Verwandlung an der Seite des Mädchens Tsu, kommentiert tanzend Gefühle und Stimmungen auf der Bühne.
Es ist eine tragische Geschichte, an deren Ende das Gute verliert. Die Liebe zwischen dem Fischer Yohyo (Konrad Haller) und der geheimnisvollen Tsu, gespielt von Anja Bilabel, scheitert an der Geldgier des Fischers. Yohyo verkauft das Tuch, das Tsu aus ihrem Federkleid heimlich für ihn gewebt hat. Und er will noch mehr. Beim Weben eines zweiten Tuches entdeckt Yohyo das Geheimnis des Mädchens: Tsu ist ein verwunschener Kranich. Da kann sie nicht mehr bei ihm bleiben und hebt sich wieder in die Lüfte.
Was sehr moralisch klingt, wird ganz fein und leise ohne erhobenen Zeigefinger erzählt - und getanzt. Und dass es nicht ganz traurig wird, dafür sorgt Philipp Sebastian, der den raffzahnigen Händler Sodo Unzu gibt. Er teilt die Rolle auf in die beiden herrlich schrägen Vögel Sodo und Unzu, spricht den einen bedächtig-listig mit tiefer Bassstimme, den anderen als Tölpel mit Fistelstimmchen.
Auch wenn es für Kinder ab fünf Jahren empfohlen ist - hier haben auch noch Zwölfjährige ihren Spaß. Über eine Stunde lang andächtiges Zuhören und das Fußgetrampel am Schluss sprachen Bände. Ein Stück, das Regisseur Andreas May durchaus wieder für die Nominierung des Kinder- und Jugendtheaterpreises NRW verdächtig macht. Mit "Der glückliche Prinz" aus der vergangenen Spielzeit ist ihm das ja schon gelungen.

Sabine Müller 
 


Zu den Rezensionen: Münstersche Zeitung | Westfälische Nachrichten 


 
Westfälische Nachrichten, 10. Oktober 2002

Aus Federkleid ein Tuch gewebt
Poetisches Tanztheater für Kinder: "Der Abendkranich"

Münster. Wenn nur Sodo Unzu, dieser Dorfkrämer, nicht wäre: Wie glücklich könnten das Mädchen Tsu und ihr geliebter Yohyo miteinander leben. Doch das wunderschöne Tuch aus Kranichfedern, das Tsu (süß: Anja Bilabel) für ihren Yohyo webte, ruft den Händler (schlitzohrig: Philipp Sebastian) auf den Plan: Er möchte damit Geld verdienen, also muss Yohyo seine Tsu überreden, noch mehr dieser tollen Tücher zu weben.
Yohyo, von Konrad Haller mit herzerfrischender Naivität dargestellt, weiß allerdings nicht, dass die schönen Kranichfedern, die für das Tuch gebraucht werden, dem Gefieder seiner Tsu entstammen - denn sie war einst ein Kranich. Seinem damaligen Retter Yohyo dankt der Kranich nun in der Gestalt des schönen jungen Mädchens Tsu mit Liebe und Treue. Es kommt, wie es kommen muss, wenn einer böser Dritter die Hände im Spiel hat: Tsu muss sich wieder in einen Kranich verwandeln und den verzweifelten Yohyo verlassen. Der raffgierige Händler hat nur Spott für diese Liebe zwischen Kranich und Mensch übrig. Als Tanztheater für Kinder feierte der Einakter von Junji Kinoshita gestern Premiere. Das Wolfgang Borchert Theater hat damit ein kleine, feine poetische Traumstunde für große und kleine Kinder geschaffen. Das Team um Regisseur Andreas May sorgte für viele strahlende Kinderaugen: Schülern der Waldorfschule, der Overbergschule und des Steingymnasiums gefiel das gefühlvolle, doch niemals kitschig wirkende Stück hörbar gut. Die poetische, klare Sprache der Inszenierung, die über längere Strecken ganz ohne Worte auskommt, und die eindeutig japanisch hergerichtete Bühne Stephan F. Rinkes sowie die japanisch geprägte Musik lassen ein Märchenjapan entstehen, weit weg von Straßenlärm und Stechuhren. Wie harmonisch Tanzpassagen und gesprochenes Wort verwoben sind, wie die nicht einmal besonders mit Federn oder falschem Schnabel ausgestattete Tänzerin Olatz Arabaolaza einen tollen Kranich darstellt - das macht den Reiz dieser schönen Inszenierung aus. Eine ruhig inszenierte Parabel über die Liebe und das Vertrauen, die nicht nur kleinen Theaterfreunden gefallen wird.

Heike Eickhoff 
 
 

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